BLASENENTZÜNDUNGEN HEILEN MEIST AUCH OHNE ANTIBIOTIKA

HONEYMOON-SYNDROM

Eine Blasenentzündung (Zystitis) ist die häufigste Infektion der unteren Harnwege. Frauen im Alter zwischen 18 und 25 Jahren sind davon 25-mal so häufig betroffen wie Männer. Eine besondere Form der Blasenentzündung ist das Honeymoon-Syndrom. Es ist nach den Flitterwochen (englisch: Honeymoon) benannt, weil beim intensiven Geschlechtsverkehr Bakterien in die Harnröhre und von dort in die Blase gelangen können. Um sie abzutöten, werden routinemäßig Antibiotika verordnet. Eine Studie in Norddeutschland stellt nun diese Behandlung in Frage. Denn es zeigte sich, dass die Entzündung in den meisten Fällen von selbst abklingt.

In den meisten Fällen sind Darmbakterien die Ursache einer akuten Blasenentzündung. Weil bei Frauen die Anal- und Scheidenregion nahe beieinander liegen, gelangen gelegentlich Keime vom Darmausgang in die Harnröhrenmündung und steigen von dort in die Blase auf. Geschlechtsverkehr erleichtert es den eigenen Bakterien – aber auch jenen des Partners -, von hier nach dort zu kommen. Deshalb kann häufiger Sex auch häufiger eine Zystitis zur Folge haben.

Besonders beim Sex mit einem neuen Partner oder nach längerer Abstinenz muss sich das Immunsystem erst wieder an die fremden Bakterien des Partners gewöhnen. Das könnte ein Grund sein, weshalb während der Urlaubszeit und in den Wochen danach mehr junge Frauen als sonst am Honeymoon-Syndrom leiden.
Der routinemäßige Einsatz von Antibiotika gegen Blasenentzündung ist nicht ungefährlich. Denn diese starken Medikamente können ernsthafte Nebenwirkungen haben. Und mit jeder einzelnen Antibiotikagabe wächst das Risiko, dass die Bakterien Resistenzen entwickeln. Schon heute sind viele Krankheitserreger gegen mehrere Antibiotika unempfindlich. Solche multiresistenten Stämme lassen sich nicht mehr kontrollieren und führen häufig zum Tod der betroffenen Patienten.

Muss das wirklich sein? Oder bietet die alleinige Behandlung der Beschwerden mit Schmerzmitteln eine vertretbare Alternative zur sofortigen antibiotischen Behandlung? Dieser Frage sind Dr. Ildikó Gágyor und Prof. Dr. Eva Hummers-Pradier von der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) zusammen mit Kollegen an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) sowie am Institut für Public Health und Pflegeforschung der Universität Bremen nachgegangen.
An der von 2012 bis 2014 laufenden Studie hatten 494 Patientinnen in 42 Hausarztpraxen in Norddeutschland teilgenommen. Es handelte sich dabei um ansonsten gesunde Frauen, die mit typischen Anzeichen eines Harnwegsinfekts wie Brennen beim Wasserlassen und/oder häufigem Harndrang ihren Hausarzt aufsuchten.

Die Teilnehmerinnen wurden per Zufall zwei Behandlungsgruppen zugeteilt. Eine Gruppe erhielt sofort ein Antibiotikum (Ciprofloxacin). Die andere Gruppe bekam ein Medikament, das Schmerzen lindert und die Entzündung hemmt (Ibuprofen). Die Frauen wurden gebeten, bei anhaltenden oder zunehmenden Beschwerden erneut ihren Arzt aufzusuchen.

Das Ergebnis spricht für einen sparsameren Umgang mit Antibiotika: Zwei Drittel der Patientinnen, die lediglich mit einem Schmerzmittel behandelt wurden, sind nämlich auch ohne Antibiotikatherapie gesund geworden. Als unerwünschte Nebenwirkung traten bei einzelnen Frauen Nierenbeckenentzündungen auf. Dies passierte häufiger in der Gruppe, die nur mit Schmerzmitteln behandelt wurden. Statistisch war dieser Unterschied jedoch nicht signifikant.

Das Resümee der Arbeitsgruppe: „Wir können belegen: Für sonst gesunde Frauen mit leichten bis mittelschweren Symptomen ist die symptomatische Behandlung häufig ausreichend und das Risiko von Komplikationen gering.“ Die Studie wurde vom Bundesforschungsministerium (BMBF) gefördert. In einer Folgestudie wollen die Wissenschaftler nun prüfen, ob ein pflanzliches Präparat als Alternative zum Antibiotikum infrage kommt. Dabei sollen insgesamt 400 Patientinnen mit Honeymoon-Syndrom wahlweise ein Antibiotikum Fosfomycin oder einen Extrakt aus Bärentraubenblättern (Arctuvan®)erhalten. Erste Ergebnisse werden 2019 Jahren erwartet

Zu ähnlichen Erkenntnissen wie die deutsche Untersuchung führte eine Analyse von neun Studien mit insgesamt 1.614 Patienten durch die „Cochrane Collaboration“. Die Behandlung mit Antibiotika war danach anderen Maßnahmen nicht überlegen, führte jedoch zu mehr unerwünschten Nebenwirkungen.

Quellen:

Gágyor I. et al: BMJ 2015;351:h6544

Zalmanovici Trestioreanu A, Lador A,
Sauerbrun-Cutler MT, Leibovici L (2015)
Antibiotics for asymptomatic bacteriuria.
Cochrane Database Syst Rev 4:CD009534, zitiert nach Urologe 2016 · 55:73–75
DOI 10.1007/s00120-015-0014-0

Scherberich J. E.: Infektiologie Update 2014. 24. Jahrestagung der Paul-Ehrlich-Gesellschaft für Chemotherapie (PEG). Weimar, 16.-18.10.2014 doi: 10.3205/14peg04
S-3 Leitlinie AWMF-Register-Nr. 043/044 Harnwegsinfektionen

Zuletzt überprüft am 14. September 2016