Ökosystem Blase

Auch im Urin leben Mikroben

Bakterien in der Blase? Das können nur Krankheitserreger sein, so dachte man lange. Neuere Studien belehren uns eines Besseren: Auch im gesunden Körper sind viele Organe, die Mediziner bislang für steril gehalten hatten, von einer Vielfalt mikroskopisch kleiner Organismen besiedelt. Ähnlich wie im Darm  bilden sie eine natürliche Artengemeinschaft, eine so genannte Mikrobiota . „Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass eine bakterielle Besiedelung der Harnwege gleichbedeutend mit einer Infektion ist“, betonte Prof. André Gessner vom Institut für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene der Universität Regensburg auf der jüngsten Pressekonferenz des „Komitee Forschung Naturmedizin“ (KFN) in München. „Dieser Paradigmenwechsel eröffnet ganz neue Behandlungsstrategien für Infektionen der Harnwege“, so Gessners Fazit.
Tatsächlich sind neue Behandlungsstrategien dringend nötig. Denn die herkömmliche Praxis, Harnwegsinfektionen mit Antibiotika zu behandeln, wird von Ärzten zunehmend problematisch beurteilt. „Wir wissen, dass die meisten unkomplizierten Blasenentzündungen von selbst abheilen. Trotzdem werden in der Regel Antibiotika verordnet; dabei geht es im Wesentlichen darum, die klinischen Symptome rascher zum Abklingen zu bringen“, betonte André Gessner vor der Presse. Dabei wären die betroffenen Patientinnen sehr wohl bereit, zunächst auf Antibiotika zu verzichten – das ergab eine aktuelle Studie  an Frauen, die an einer Zystitis erkrankt waren. Der Einsatz von Antibiotika ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits zählen sie zu unseren sichersten und wirksamsten Arzneimitteln und haben seit ihrer Einführung Millionen von Menschenleben gerettet. Andererseits droht die Waffe stumpf zu werden, wenn sie zu oft benutzt wird: Die Bakterien, gegen die sie gerichtet sind, werden zunehmend resistent. Nach einer Untersuchung des Robert-Koch-Instituts aus dem Jahr 2014 weisen in der ambulanten Versorgung durch Urologen 28 Prozent der Escherichia-coli-Stämme Resistenzen gegen Cotrimoxazol – eine einst hocheffiziente Kombination zweier Antibiotika – auf; 22 Prozent der E. coli-Bakterien sind gegen ein weiteres Antibiotikum namens Ciprofloxazin immun.
Resistenzen sind indes nicht das einzige Problem beim Einsatz von Antibiotika. Die synthetischen Substanzen haben einen weiteren schwer wiegenden Nachteil: Sie töten nicht nur die mikrobiellen Krankheitserreger ab, sondern auch die natürliche Mikrobiota – und führen so zu einer empfindlichen Störung der Selbstheilungskräfte. Welche Bedeutung der natürlichen Mikroben-Gesellschaft zur Aufrechterhaltung der Gesundheit zukommt, ist bislang wenig erforscht. Dass sie eine entscheidende Rolle spielen müssen, erschließt sich jedoch aus der Tatsache, dass in der Harnblase gesunder Frauen deutlich mehr und andere Bakterien leben als bei Zystitis-Patientinnen. Ein Vergleich der Mikrobiota im Urin gesunder und an Dranginkontinenz leidender Frauen brachte ausgeprägte Unterschiede in Zahl und Zusammensetzung der Bakterien ans Licht. Eine weitere Studie an Patientinnen mit Harnwegsinfekten zeigte, dass die Diversität der Mikroben-Gesellschaft im Urin umso geringer ist, je schwerwiegender die Entzündung ist. Ein Wissenschaftler-Team aus Australien, Belgien und der Schweiz fand heraus, dass bestimmte Antibiotika heftig zur Verschiebung des Artenspektrums beitragen: So führte eine Behandlung mit Ciprofloxacin bereits nach wenigen Tagen zu einer deutlichen Verarmung der Mikroben-Vielfalt im Urin von Frauen mit Blasenentzündung; nach Absetzen des Medikaments nahm die mikrobielle Diversität wieder zu.
Einen Ausweg aus dem Dilemma nannte André Gessner auf der Pressekonferenz des KFN: „Mittlerweile gibt es verlässliche Anzeichen dafür, dass man auch bei der Therapie von unkomplizierten Harnwegsinfektionen in vielen Fällen auf eine Antibiotikatherapie verzichten kann.“ Gegen die unangenehmen Symptome der Erkrankung habe sich ein Pflanzenpräparat erwiesen, so der Regensburger Arzt weiter: „Eine Dreierkombination aus Rosmarinblättern, Tausendgüldenkraut und Liebstöckelwurzel zeigte in präklinischen Untersuchungen entzündungshemmende, krampflösende, schmerzlindernde und Bakterien-ausschwemmende Effekte. Damit stellen Phytopharmaka eine echte Alternative zur herkömmlichen Therapie dar. Denn sie zeigen häufig gute Heilwirkungen und vermeiden obendrein die unerwünschten Nebenwirkungen einer Antibiotika-Behandlung.“

Quellen:
Karstens, L. et al. (2016): Does the Urinary Microbiome Play a Role in Urgency Urinary Incontinence and its Severity? Frontiers in Cellular an Infection Microbiology 6 (78): 1 – 13

Pearce, M. M. et al. (2014): The female urinary microbiome: a comparison of women with and without urgency urinary incontinence. mBio

Stewardson, A.J. (2015): Collateral damage from oral ciprofloxacin versus nitrofurantoin in outpatients with urinary tract infections: a culture-free analysis of gut microbiota. Clin Microbiol Infect. 2015 Apr; 21 (4): 344.e1-11

Zuletzt überprüft am 23. September 2016