Leichter Stress hat oft schwere Folgen

Einschneidende Erlebnisse oder plötzliche Veränderungen im Privatleben oder im beruflichen Umfeld haben mitunter nachhaltige Folgen für die Gesundheit. Das gilt nicht nur für dramatische Ereignisse wie zum Beispiel den Tod eines nahen Angehörigen oder den Verlust des Arbeitsplatzes, sondern auch für die kleinen Frustrationen des Alltags.

Die Erkenntnis, dass zwischen bedeutenden Lebensereignissen und Gesundheit ein enger Zusammenhang besteht, geht auf die amerikanischen Forscher Dr. Thomas Holmes und Dr. Richard Rahe zurück. Sie stellten nach fast 25-jährigen Forschungen fest: Starke Lebensveränderungen und Umstellungen können die körperliche Widerstandskraft verringern. Je bedeutsamer das Ereignis ist, umso mehr Zeit und Kraft braucht der menschliche Organismus, um sich an die veränderten Gegebenheiten anzupassen. Dadurch wächst seine Anfälligkeit für Krankheiten.

Dr. Holmes und Dr. Rahe entwickelten eine Stress-Skala, aus der das gesundheitliche Risiko durch eine Reihe relativ häufiger positiver und negativer Ereignisse hervorgeht. An der Spitze des Punktesystems steht der Tod des Partners mit 100 Punkten, gefolgt von einer Scheidung mit 73 und einer Heirat mit 50 Punkten. Der Verlust des Arbeitsplatzes wird mit 45 Risikopunkten veranschlagt, sexuelle Probleme mit 39 Punkten.

Kleinere Störungen des täglichen Lebens werden mit weniger Punkten bedacht: Eine Veränderung der Schlafgewohnheiten schlägt mit 16 Risikopunkten zu Buche, veränderte Essgewohnheiten mit 13 Punkten und kleinere Übertretungen der Verkehrsregeln mit 11 Punkten.

Seit ihrer ersten Veröffentlichung im Jahre 1967 ist die Stress-Skala von Holmes und Rahe in zahlreichen psychologischen Studien bestätigt worden. Prof. Dr. Philip G. Zimbardo von der Standford Universität Kalifornien berichtet: „Viele Untersuchungen haben belegt, dass das Ausmaß und die Lebensveränderungen, wie sie mit dieser Skala gemessen werden, vor dem Beginn einer Krankheit signifikant zunehmen. Menschen, deren Werte 300 und mehr erreichen, tragen ein hohes Risiko für ihre Gesundheit. Menschen, deren Werte zwischen 150 und 300 liegen, leben mit einer Chance von 50 zu 50, dass innerhalb der nächsten zwei Jahre eine schwerwiegende Veränderung ihres gesundheitlichen Zustandes auftritt“. Der Zusammenhang zwischen Belastung und Krankheit ist eindeutig: Je höher die Summe der Belastungspunkte, umso schwerer die drohende Erkrankung.

Freilich muss es nicht unbedingt ein großer Schicksalsschlag sein, der jemanden für Krankheiten anfällig macht. Professor Zimbardo: „Das Leben ist voll kleiner Frustrationen. Während einer schriftlichen Prüfung bricht Ihr Bleistift ab, Sie geraten in einen Verkehrsstau oder vergessen, den Wecker so zu stellen, dass Sie eine wichtige Verabredung nicht verpassen. Diese kleinen Ärgernisse addieren sich in einem größeren Umfang, als Sie es sich vielleicht vorstellen“.

Zuletzt überprüft am 6. Juli 2016