Stress – Wenn die Arbeit krank macht

Je länger man die Frustrationen mit sich herumträgt, desto größer wird das Risiko

Wenn Stress bei der Arbeit krank macht

Für die meisten von uns hat Arbeit eine positive und psychisch stabilisierende Wirkung. Dennoch ist jede/r fünfte am Arbeitsplatz unzufrieden und fühlt sich durch Stress überfordert. „Mein Job macht mich fix und fertig“, heißt es nicht selten im Bekanntenkreis. Diese oft gehörte Klage hat einen überaus ernsten Hintergrund: Aus Untersuchungen geht eindeutig hervor, dass Arbeitsunzufriedenheit und Krankheitshäufigkeit eng zusammenhängen – und dass viele, oft schwerwiegende organische Leiden zumindest zum Teil auf die Arbeitsbedingungen und auf das Betriebsklima zurückzuführen sind.

Eine Erhebung bei 17.562 erwerbstätigen Personen, ausgeführt im Auftrag der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin BAuA, ergab: Für die meisten von uns hat Arbeit eine positive und psychisch stabilisierende Wirkung. Dennoch ist jede/r fünfte am Arbeitsplatz unzufrieden und fühlt sich überfordert. 43 Prozent der Befragten berichten über eine Zunahme des beruflichen Stresses in den letzten zwei Jahren. Besonders groß ist der Anteil der Betroffenen in den Gesundheitsberufen (50%) sowie unter Dienstleistungskaufleuten (50%), aber auch bei Arbeitnehmern mit Sozial- und Erziehungsberufen (48%).

Insgesamt glauben 20 Prozent der Beschäftigten, dass ihre Arbeit sich negativ auf ihre Gesundheit auswirkt. Die Folgen sind vielschichtig: Menschen, die mit ihrem Job unzufrieden sind, greifen öfter zu Schmerz- und Schlaftabletten, rauchen mehr und sind häufiger krankgeschrieben. Die Auswertung von 13 europäischen Kohortenstudien ergab, dass beruflicher Stress das Risiko auf Herzinfarkt um 23 Prozent erhöht. Unter den Unzufriedenen kommt die Herz-Kreislauf-Krankheit Angina pectoris doppelt so häufig vor wie bei den Zufriedenen. Menschen, die über ein zu hohes Arbeitspensum klagen oder Differenzen mit ihren Vorgesetzten haben, leiden deutlich häufiger unter einer Gastritis: Stress und Ärger schlagen ihnen auf den Magen.

Ob der Arbeitsstress tatsächlich zu psychischen oder psychosomatischen Problemen führt oder nicht, wird vor allem von zwei Faktoren beeinflusst. Entscheidend ist erstens der Handlungsspielraum des Einzelnen: Die Arbeit wird umso weniger als belastend empfunden, je mehr Spielraum es gibt, anstrengende oder anspruchsvolle Tätigkeiten selbständig zu gestalten oder zeitlich einzuteilen.

Zweitens kommt es auf die soziale Unterstützung durch Vorgesetzte und Arbeitskollegen, aber auch durch Partner, Verwandte oder Freunde an. So leiden Arbeiter, die den Eindruck haben, dass ihr Meister andere vorzieht, häufiger unter Erkältungen als ihre Kollegen. Sie sind buchstäblichn „verschnupft“, weil die ungerechte Behandlung sie „gekränkt“, d. h. im wörtlichen Sinne krank gemacht hat.

Dagegen sind Erkältungen umso seltener, je besser die Kameradschaft unter den Arbeitnehmern ist. So ist es bekannt, dass viele Angestellte der Post erst nach Weihnachten „ihre Grippe nehmen“ – offenbar wollen sie ihren Kollegen in der ohnehin besonders arbeitsintensiven Zeit vor den Festtagen nicht noch zusätzliche Mehrarbeit zumuten.

Es gibt einen engen Zusammenhang zwischen Stressbelastungen und depressiven Symptomen, Schlafstörungen und dem so genannten Burn-out-Syndrom. So leiden Menschen mit einer unterdurchschnittlichen Stressbelastung nur zu 17 Prozent an mindestens einer dieser Störungen, Personen mit starker Stressbelastung hingegen zu 61,1 Prozent. Umgekehrt können Schlaf- und Angststörungen das subjektive Stresserleben erhöhen.

Stress am Arbeitsplatz wird von den meisten Menschen als normales Problem betrachtet. Allerdings gibt jede/r fünfte Befragte an, den Arbeitsalltag als sehr belastend bzw. stressig zu empfinden. Wichtige Ursachen für Stress sind auch die Sorgen in Anbetracht der eigenen Finanzen oder der allgemeinen wirtschaftlichen Lage.

Stress am Arbeitsplatz ist übrigens für die Gesundheit gefährlicher als ein Krach mit dem Ehepartner. Nach den Erkenntnissen des amerikanischen Soziologen Ronald Kessler liegt das daran, dass es in einer partnerschaftlichen Beziehung meistens gelingt, auch nach einer lautstarken Auseinandersetzung die Spannung wieder abzubauen und die Harmonie wiederherzustellen. Am Arbeitsplatz hingegen kann man seinen Ärger in der Regel nicht abreagieren, ohne schlimmere Konsequenzen heraufzubeschwören. Je länger man die Frustrationen mit sich herumträgt, desto größer wird aber das Risiko, dass einen die Situation krank macht.

Quelle: BAuA: Stressreport Deutschland 2012

Zuletzt überprüft am 5. Juli 2016