WEISSDORN HEMMT ALTERUNG DER GEFÄSSE

Klassisches Herzmittel der Naturmedizin

Die Inhaltsstoffe von Weissdorn (Crataegus laevigata) gelten als klassische Herzmittel der Naturmedizin. Die trockenen oder flüssigen Extrakte aus den Blüten und Blättern der Arzneipflanze verbessern die Herzleistung und wirken so der nachlassenden Belastbarkeit des Herzens entgegen. Pharmazeuten der Universität Straßburg kamen jetzt dem Mechanismus auf die Spur, auf welchem Weg das Phytopharmakon den Alterungsprozess der Gefäße verlangsamt.

Die erfreuliche Zunahme der Lebenserwartung hat auch eine Kehrseite: Altersbedingte Leiden nehmen ebenfalls zu. Hoher Blutdruck, Stoffwechselleiden wie Diabetes oder Schädigungen anderer Organe schwächen den Herzmuskel und führen bei etwa jedem zehnten Bundesbürger über 70 zu einer Herzinsuffizienz. Die Folgen sind Schwäche und Atemnot bei Anstrengung, Müdigkeit und Abgeschlagenheit, „Wasser in den Beinen“, sowie gestörter Schlaf durch häufigen Harndrang und Hustenanfälle in der Nacht.

Zur Behandlung der Herzinsuffizienz steht uns heute ein ganzes Arsenal von Arzneimitteln zur Verfügung, die an unterschiedlichen Angriffspunkten in das krankhafte Geschehen eingreifen: harntreibende Mittel und Digitalis, so genannte ACE-Hemmer oder AT1-Rezeptorenblocker, Spironolacton oder Beta-Blocker. Dem Altern der Gefäße wirkt auch ein pflanzlicher Spezialextrakt aus Weissdorn entgegen, der unter dem Kürzel WS 1442 (Handelsname „Crataegutt“) bekannt ist. Seine  Wirkungsweise wurde kürzlich von einer Forschungsgruppe für Kardiovaskuläre Pharmakologie und Pathophysiologie an der Universität Straßburg genauer erforscht.

Das Altern der Gefäße wird wissenschaftlich als „Seneszenz“ (von lateinisch senescere = „altern“) bezeichnet. Wie es dazu kommt, wird unter anderem an Zellkulturen erforscht: Dabei zeigte sich, dass die meisten tierischen und menschlichen Zellentypen nur eine begrenzte Zahl von Zellteilungen durchmachen und dann ihr Wachstum einstellen. Dies trifft auch für jene Zellen zu, die das sogenannte Endothel bilden, welches die Gefäße auskleidet. Offenbar hängt die Seneszenz der Gefäße mit den Alterungsprozessen dieses Endothels zusammen.

Diese Zellschicht an der Innenfläche der Blut- und Lymphgefäße büßt bereits ab etwa 50 Jahren mehr und mehr an Funktionen ein: Zum Beispiel produziert sie weniger Stickstoffmonoxid – ein Gas, das für die Elastizität der Gefäßmuskulatur und damit für die Regulierung des Blutdrucks sorgt.

Die Straßburger Wissenschaftler um Professor Dr. Valérie Schini-Kerth fanden in ihren experimentellen Untersuchungen heraus, dass der Weissdorn-Extrakt WS 1442 nicht nur die Leistung des Herzmuskels zu fördern vermag, sondern über eine komplexe biochemische Kettenreaktion auch die Bildung von Stickstoffmonoxid in den Endothelzellen anregt. Infolgedessen kommt es zu einer Entlastung der verengten und verhärteten Gefäße, die Durchblutung wird verbessert und die alterungsbedingten Fehlfunktionen des Endothels hinausgezögert.

Der Ausschuss für pflanzliche Arzneimittel (engl. Committee on Herbal Medicinal Products, kurz HMPC) – er ist ein Fachgremium der Europäischen Arzneimittel-Agentur – hat 2016 erstmals eine ausführliche Monographie über die Heilwirkungen von Weißdorn-Präparaten erstellt. Das kürzlich neu aufgelegte „Kompendium Phytopharmaka“ führt zehn Weißdorn-Präparate auf, die in deutschen Apotheken angeboten werden und deren Qualität und wissenschaftlich dokumentierte Wirksamkeit die strengen Kriterien des Komitees Forschung Naturmedizin KFN erfüllen.
Dieser Hinweis ist deshalb wichtig, weil Phytopharmaka durchaus unterschiedliche Eigenschaften aufweisen können, auch wenn sie aus dem gleichen Ausgangsstoff hergestellt wurden. Weißdorn-Extrakte bestehen, wie auch andere pflanzliche Arzneimittel, aus zahlreichen Inhaltsstoffen, deren Gesamtheit als der eigentliche Wirkstoff betrachtet wird. Oder wie schon Aristoteles formulierte: „Das Ganze ist mehr als die Summe seine Teile“.
Quellen:
J Gerontol A Biol Sci Med Sci. 2015 Dec 15. pii: glv213. [Epub ahead of print]
doi: 10.1093/gerona/glv213

Theodor Dingermann: Kompendium Phytopharmaka. Qualitätskriterien und Verordnungsbeispiele. 7. Auflage, 2015, Deutscher Apotheker Verlag

Zuletzt überprüft am 1. September 2016