Ein Darm voller Leben

Mikroben sorgen für unser Wohl

Bakterien sind unsere Lebensretter. Ohne sie würden wir mit vollem Bauch verhungern. Denn Nahrung will verdaut werden, und das schaffen unsere eigenen Darmzellen nicht alleine. Sie brauchen professionelle Hilfe aus dem Reich der Mikroben. Denn nur sie haben das nötige Werkzeug, um Pizza und Pommes, Obst und Salat, Tofu und Eisbein in seine kleinsten Bestandteile zu zerlegen, auf dass wir unseren Körper am Leben halten. Zudem machen sie mit speziellen Enzymen auch viele Giftstoffe unschädlich. Umgekehrt können sie – und nur sie! – einfache Biomoleküle zu lebenswichtigen Vitaminen, Fettsäuren, Enzym- oder Hormonbestandteilen zusammenbauen. Schließlich beteiligen sie sich an der Abwehr von krankmachenden Viren, Pilzen und Bakterien. So können es unsere freundlichen Untermieter selbst mit lebensbedrohlichen Keimen wie Clostridium difficile aufnehmen, die gegen einst wirkungsvolle Antibiotika resistent geworden sind.
Dies macht sich eine neue Therapie namens Fäkaltransplantation, kurz FMT, zunutze, um Patienten mit chronischem Durchfall schnell und dauerhaft zu heilen: Dabei werden einem gesunden Spendern Kotproben – sie bestehen zu einem Drittel ihres Volumens aus lebenden Darmbakterien! – entnommen, mit Kochsalzlösung verrührt und mit Hilfe eines Klistiers in den Enddarm der Betroffenen eingeführt. Durch diese Stuhlinfusion gelangt die gesunde Darm-Mikrobiota in den Verdauungstrakt des Kranken und verdrängt dort die giftigen Clostridien. In der Regel hört der Durchfall schon einen Tag nach der ungewöhnlichen Behandlung auf, kurze Zeit später verschwinden auch die anderen Symptome der Infektion. Erstmals 1958 an vier Patienten erprobt, wurde die Methode jahrzehntelang von Ärzten und Patienten skeptisch beäugt und als unappetitlich abgetan. Inzwischen belegen fundierte wissenschaftliche Studien ganz klar die Wirksamkeit der Therapie: 90 % der behandelten Patienten werden ihre chronische Darmentzündung dauerhaft los, die meisten schon nach einer einzigen Stuhl-Transplantation. In Skandinavien gilt die Methode inzwischen als erste Wahl zur Behandlung hartnäckiger C. difficile-Infektionen, in Deutschland wird sie bislang nur an wenigen Kliniken praktiziert.
Doch damit ist der positive Einfluss der Darm-Mikrobiota noch längst nicht erschöpft. Ihre Zusammensetzung scheint auch die Ausbildung und den Verlauf weiterer Erkrankungen zu beeinflussen. So haben etwa krankhaft übergewichtige Menschen eine andere Darm-Mikrobiota als Normalgewichtige. Noch haben Mediziner und Biologen keine befriedigenden Erklärungen, wie diese Unterschiede zwischen schlanken und fettleibigen Menschen zu deuten sind und wie stark unterschiedliche Ernährungsstile die Ausprägung und Behandlung einer Adipositas beeinflussen können. Unklar ist auch die Rolle der Darm-Mikroben bei Autoimmunerkrankungen, die sich durch chronische Darmentzündungen äußern. Bei betroffenen Patienten fanden sich rund ein Viertel weniger Mikrobenarten als bei gesunden Testpersonen. Im Falle von Morbus Crohn scheint die Kommunikation zwischen den Darmbakterien und den Zellen des menschlichen Immunsystems gestört zu sein.
Um ein vollständiges Bild unserer Darmflora zu bekommen, werden die Mikroben anhand ihres Erbguts identifiziert. Durch solche genetischen Analysen weiß man inzwischen, dass nur ganz bestimmte Gruppen von Bakterien im Darm leben können; nur vier der bekannten 70 Großgruppen von Bakterien sind mit unterschiedlichen Arten vertreten, zwei davon besonders häufig, namentlich die Firmicutes und Bacteroidetes. Dennoch besitzen diese wenigen Mikroben rund 3,3 Millionen verschiedene Gene – das sind rund 160 mal mehr als die 20.000 Gene des Menschen. 99 Prozent dieser Gene ließen sich Bakterien zuordnen, der Rest entfiel auf andere Mikroorganismen wie Archaeen oder Hefepilze. Durch den Abgleich mit bereits bekannten Genen ließ sich diese große Menge an DNA mindestens 1.000 bis 1.150 verschiedenen Arten zuordnen. Allerdings beherbergt jeder Mensch nur eine kleine Auswahl dieser mannigfaltigen Gesellschaft, im Mittel 160 Arten. Die Zahlen spiegeln die immense Vielfalt und Dynamik unseres Darm-Mikrobioms wider. Und sie zeigen, dass ganz unterschiedliche Bakterien-Gemeinschaften quasi denselben Job machen. Offenbar kommt es nicht so sehr darauf an, welche spezielle Mikrobe die anfallenden Aufgaben übernimmt; Hauptsache, sie werden erledigt – von wem auch immer.
Nur ein Teil dieser Enzyme hilft uns beim Verdauen. Andere übernehmen mindestens ebenso wichtige Aufgaben. Einige Bakterien unterstützen im Darm unser körpereigenes Immunsystem bei der Feindabwehr. Noch ist in vielen Fällen unklar, wer hier wen beeinflusst – der Mensch seine Mikroben oder umgekehrt. Manchmal fühlen sich in einem kranken Körper eben andere Organismen wohl als in einem gesunden. Umgekehrt kann jedoch auch ein ungünstiges Mikrobiom den Menschen krank machen. Verschiedene Therapien zielen deshalb darauf ab, eine gesunde Darm-Mikrobiota herzustellen. Dies soll auf zwei Wegen gelingen: Zum einen durch ausgewählte Kost, deren Bestandteile die richtigen Winzlinge anzieht, zum anderen durch künstliche Gabe der erwünschten Bakterien. Die einen nennen diesen Ansatz „Symbioselenkung“, andere sprechen von „Präbiotika“ (gezielte Diät) und „Probiotika“ (ausgewählte Bakterien). In beiden Fällen kommt eine Ernährung mit einem hohen Anteil an Ballaststoffen sowie rohem Obst und Gemüse zum Einsatz. Denn diese Kost begünstigt erwiesenermaßen die Ansiedelung von Milchsäure- und Bifidobakterien, die als gesundheitsfördernd gelten. Diese „freundlichen“ Bakterien werden auch als so genannte Probiotika in Joghurts und verschiedene andere Nahrungsmittel gemischt. Oder in Form von Tropfen, Kapseln oder Tabletten als Medikamente genutzt.
Allerdings ist der Heilerfolg probiotischer Lebens- und Arzneimittel bislang nur mäßig. Das mag daran liegen, dass sich die zugeführten Bakterien einfach nicht dauerhaft inmitten der restlichen Darmflora behaupten können. Oder es werden bisher die falschen Pferde ins Rennen geschickt. Wir wissen einfach noch viel zu wenig darüber, welche Mikrobenarten über welche Signale mit unseren Körperzellen kommunizieren. Sicher ist nur eines: Die natürliche Mikrobiota unseres Körpers zu erhalten oder wiederherzustellen, muss ein wesentliches Ziel jeder medizinisches Behandlung sein. Wird sie nämlich geschwächt – zum Beispiel durch den unkontrollierten Einsatz von Antibiotika –, dann hat dies fatale Auswirkungen auf unsere Gesundheit. Hier kommt den pflanzlichen Arzneimitteln  eine wichtige Rolle zu: Sie greifen weniger stark in die Zusammensetzung der natürlichen Mikroben-Gesellschaften ein als synthetische Arzneimittel und unterstützen somit die Selbstheilungskräfte des Körpers.

Zuletzt überprüft am 29. September 2016