Stress

Warum so viele Menschen darunter leiden

Warum so viele Menschen unter Stress leiden

Stress gehört zum Leben. In früheren Zeiten war es der Kampf ums blanke Überleben, der die Menschen unter Dauerstress setzte. In vielen Ländern ist das heute noch so – nicht jedoch in Deutschland, wo es den meisten Menschen besser geht als je zuvor. Gleichzeitig wird aber auch mehr als je zuvor über Stress geklagt. Warum eigentlich? Und was stresst uns heute? Wissenschaftler haben die Gründe erforscht.

In der aktuellen „Studie zur „Gesundheit Erwachsener in Deutschland“ (DEGS1) des Robert-Koch-Instituts berichten 13,9 Prozent der Frauen und 8,2 Prozent der Männer zwischen 18 und 64 Jahren über starke Belastungen durch chronischen Stress. Menschen mit einem niedrigen Sozialstatus und geringer Unterstützung durch ihr Umfeld erleben starke Stressbelastungen häufiger als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Das Wort Stress wird fast immer im Sinne von Belastung, Anspannung, oder Druck gebraucht – eine Auslegung, die jedoch nur einen Teil des Begriffes erfasst. Die Gefühle, just ermüdet, erschöpft oder krank zu sein, sind subjektive Wahrnehmungen von Stress. Aber Stress bedeutet nicht notwendigerweise krankhafte Veränderungen: Schon das normale Dasein belastet den Organismus und führt zum Verschleiß von Organen und Körperfunktionen.

Der erste Forscher, der die Auswirkungen von andauerndem schwerem Stress auf den Körper mit modernen wissenschaftlichen Mitteln untersuchte, war János (Hans)Selye (1907 – 1982), ein kanadischer Endokrinologe ungarischer Abstammung. Nach Selyes Theorie gibt es viele Arten von Stressoren: Dazu gehören alle Arten von Krankheiten sowie etliche andere körperliche und psychische Zustände. Sie alle verlangen eine Anpassung des Organismus´, damit dessen Unversehrtheit und Wohlbefinden aufrechterhalten oder wiederhergestellt wird.

Selye fand heraus, dass Stress in der Struktur und in der chemischen Zusammensetzung des Körpers messbare Veränderungen verursacht. Einige von ihnen sind Zeichen für eine Schädigung, andere offenbaren die Anpassungsreaktionen des Körpers zur Abwehr von Stress. Die Gesamtheit dieser Veränderungen – das Stresssyndrom – bezeichnen Psychologen als „allgemeines Adaptationssyndrom“ (AAS). Es entwickelt sich in drei Phasen: Zunächst zeigt der Körper eine Alarmreaktion, ihr folgt das Stadium des Widerstandes, das schließlich in das Stadium der Erschöpfung mündet.

Mit kurz anhaltenden Stresssituationen kommt unser Körper in der Regel gut zurecht. In solchen Momenten schüttet er vermehrt Hormone wie Cortisol, Adrenalin und Noradrenalin aus. Sie lassen den Blutzuckerspiegel sowie Herzschlag, Blutdruck und Durchblutung ansteigen; der Körper macht sich gleichsam bereit für Kampf oder Flucht. Physiologisch gesehen sind diese Reaktionen wichtig und sinnvoll, denn so werden Kraftreserven mobilisiert. Im Idealfall erholt sich der Körper wieder, sobald die Stresssituation vorbei ist, und seine Funktionen normalisieren sich.

Problematisch wird es erst, wenn der Stress über längere Zeit anhält. Denn chronischer Stress führt irgendwann zu einer Erschöpfungsreaktion. Die Folgen nannte Dr. Berthold Musselmann, Lehrbeauftragter für Allgemeinmedizin und Naturheilverfahren an der Universität Heidelberg, im April 2016 auf einer Informationsveranstaltung des Komitee Forschung Naturmedizin (KFN): Zu ihnen zählt der drastische Anstieg der Rate von Zivilisationskrankheiten und aller wichtigen Todesursachen wie Diabetes mellitus, Herz-Kreislauferkrankungen und Krebs. „Aber auch psychische und körperliche Krankheiten wie Depressionen, kognitive Störungen, die Posttraumatische Belastungsstörung, orthopädische Krankheiten, Leberzirrhose, chronische Lungenerkrankungen, Asthma bronchiale, Kolitis und Infektionen treten wie auch Selbstmorde und Unfälle durch Stress deutlich häufiger auf“, so der Heidelberger Allgemeinmediziner.

Und trotzdem: Ein Leben ohne Stress gibt es nicht. Selbst im Schlaf treten Stresseinwirkungen auf. „Stress kann helfen, Stress kann schaden“, erklärte der Münchner Historiker Professor Dr. Michael Wolfssohn auf der KFN-Veranstaltung: „Stress ist einerseits kreativ, andererseits zerstörerisch. Wenn kreativ, ist er innovativ und bringt Mensch und Menschheit voran. Zu viel Stress ist schädlich, bisweilen gar zerstörerisch, ja tödlich. Das heißt: Stress an sich ist weder nur gut, noch nur schlecht. Es kommt auf die Steuerung des Menschen an“.

Zu wenig Stress kann übrigens ebenso gefährlich sein, wie zu viel Stress. Der Volksmund spricht anschaulich von Menschen, die sich „zu Tode langweilen“. Mittlerweile ist dieser Zusammenhang wissenschaftlich nachgewiesen: Bleibt der gewohnte Alltagsstress aus – beispielsweise wenn jemand nach einem arbeitssamen Leben plötzlich in den Ruhestand geht – so kann dies manch einen regelrecht krank machen oder sogar in den berüchtigten Pensionstod treiben.

Zuletzt überprüft am 8. Juli 2016