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Beeinträchtigt Johanniskraut die Wirkung niedrig dosierter Anti-Baby-Pillen?

Ein Hinweis darauf, dass ein Johanniskrautextrakt die Wirkung niedrigdosierter oraler Kontrazeptiva beeinträchtigen könnte, befindet sich gemäß der BfArM-Forderung im Beibackzettel aller (neu- bzw. nach)zugelassener Johanniskrautpräparate. Der Frage, wie realistisch die Gefahr wirklich ist, ging deshalb die Arbeitsgruppe um Arabella Pfrunder an der Universitätsklinik Basel nach.

Patienten und Methodik

18 gesunde Frauen im Alter zwischen 18 und 35 Jahren nahmen an dieser randomisierten, kontrollierten Studie teil. Bei allen hatte im Zyklus vor Beginn der Medikamenteneinnahme ein Eisprung stattgefunden.

Im ersten Teil der Studie, dem Kontrollzyklus, erhielten die Teilnehmerinnen von Tag 1 bis 21 ihres Menstruationszyklus täglich um 8 Uhr früh ein orales Kontrazeptivum auf der Basis von 0,02 mg Ethinyloestradiol und 0,150 mg Desogestrel. In den beiden folgenden Zyklen nahmen die Teilnehmerinnen, bei denen der Eisprung im Kontrollzyklus durch die Einnahme des Kontrazeptivums erfolgreich unterdrückt worden war, zusätzlich entweder zwei oder dreimal täglich je 300 mg LI160 – auf 0,3 Prozent Hypericin standardisierten Johanniskrautextrakt – in Form von Filmtabletten ein.

Die Zuordnung zu Dosierung A (zwei Mal täglich 300 mg LI160) oder B (drei Mal täglich 300 mg LI160) erfolgte randomisiert und wurde im dritten Zyklus gekreuzt.

Die Johanniskraut-Tabletten sollten die Studienteilnehmerinnen jeweils unmittelbar vor dem Essen einnehmen, den Zeitpunkt der Einnahme des oralen Kontrazeptivums konnten sie entsprechend der Packungsangabe frei wählen, wobei nicht mehr als 36 Stunden zwischen der Einnahme zweier aufeinander folgender Dosen vergehen durften. Folgte auf eine vergessene Einnahme innerhalb von zwei bis sieben Tagen eine Zwischenblutung, wurde die Teilnehmerin für diesen Zyklus von der Datenauswertung ausgeschlossen.

Zur Messung der Aktivität der Eierstöcke wurde endosonographisch an Tag 11 oder 12 die Follikelreifung anhand der Follikelgröße bestimmt, sowie die Konzentration von Östrogen im Serum gemessen.

Progesteronwerte wurden an Tag 23 bestimmt.

Ferner maßen die Untersucher die maximale Serum-Konzentration von Ethinyloestradiol und 3-Ketodesogestrel,

bestimmten die AUC-Kurve über 24 Stunden und

werteten Aufzeichnungen der Frauen über etwaige Zwischenblutungen aus.

Ergebnisse

Die parallele Einnahme von Johanniskraut-Extrakt LI160 und einem niedrig dosierten Kontrazeptivum führte im Vergleich zur alleinigen Einnahme des Kontrazeptivums weder zu signifikanten Veränderungen bei der Follikelreifung noch der Östrogen- bzw. Progesteron-Konzentrationen im Blut.

Allerdings berichteten unter der gleichzeitigen Gabe von Johanniskraut-Extrakt sowohl in der Dosierung von zweimal 300 mg/d 77 Prozent, als auch bei dreimal täglicher Einnahme von je 300 mg 88 Prozent der Teilnehmerinnen über Zwischenblutungen. Unter dem Kontrazeptivum war es dazu nur bei 35 Prozent der Frauen gekommen. Während der Ethinyloestradiol-Spiegel durch die Einnahme von Johanniskraut-Extrakt nicht beeinflusst wurde, sanken die 3-Ketodesogestrel-Werte unter beiden Dosierungen signifikant im Vergleich zum Kontrollzyklus.

Die Rate unerwünschter Nebenwirkungen war unter alle drei Studienbedingungen vergleichbar.

Diskussion

Die Autoren vermuten als Ursache für diese Phänomene einerseits hemmende Wirkungen von Johanniskraut-Inhaltstoffen auf die Enzyme CYP2C9/ CYP2C9, wie sie in vitro etwa für 13,II8-Biapigenin und Hyperforin nachgewiesen worden sind, sowie andererseits eine verstärkende Wirkung auf CYP3A4, das den 3-Ketodesogestrel-Metabolismus beschleunigt.

Obwohl es in keinem der Behandlungszyklen zu einer Ovulation kam und auch das Endometrium bei den meisten Teilnehmerinnen nur dünn ausgeprägt war, sollten nach Meinung der Autoren Frauen, die mit einem der Studienmedikation vergleichbaren hormonellen Kontrazeptivum verhüten, Johanniskraut-Extrakte nur unter Vorbehalt einnehmen. Insbesondere die häufigeren Blutungsunregelmäßigkeiten könnten sich ungünstig auf die Compliance der oralen Kontrazeption auswirken und zusammen mit den erniedrigten 3-Ketodesogestrel-Konzentrationen das Risiko einer unerwünschten Schwangerschaft erhöhen.

Fazit: Die Aussagen der vorliegenden Studie lassen sich weder auf einen anderen als den verwendeten Johanniskraut-Extrakt LI160 übertragen noch auf orale Kontrazeptiva mit anderen Hormonkombinationen verallgemeinern. Weitere und größere Interaktionsstudien sind notwendig.

(Quelle: Pfrunder A, Schiesser M, Gerber S, Haschke M, Bitzer J, Drewe J: Interaction of St John’s wort with low-dose oral contraceptive therapy: a randomized controlled trial. Br J Clin Pharmacol, 2003, 56, 683–690.)