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Botulismus – die Vergiftung aus dem Einmachglas

Lebensmittelvergiftungen durch den Erreger Clostridium botulinum sind zwar relativ selten geworden, dennoch stellt der Botulismus aufgrund des schweren Krankheitsverlaufs nach wie vor ein ernstzunehmendes gesundheitliches und lebensmittelhygienisches Problem dar.

Clostridium botulinum ist ein stäbchenförmiger Anaerobier. Seine Sporen sind extrem widerstandsfähig und können erst bei Temperaturen über 100 Grad Celsius abgetötet werden. Der klassische Erreger von Lebensmittelvergiftungen bildet unter anaeroben Verhältnissen in Lebensmitteln das hochgiftige neurotoxische Botulinum-Toxin, von dem mehrere unterschiedliche Subtypen bekannt sind. Es zählt zu den stärksten aller in der Natur vorkommenden Gifte und ist rund eine Million Mal toxischer als beispielsweise Zyankali. Botulinum-Toxin hemmt über eine komplexe Wirkweise die Freisetzung von Acetylcholin in den synaptischen Spalt und damit die Signalübertragung an motorischen sowie vegetativen Nervenendigungen. Es kommt zu Schwäche und schlaffen Lähmungen der Skelettmuskulatur. Im schlimmsten Fall führt dies auch zur Lähmung der Atemmuskulatur und damit zum Erstickungstod.

Die Isolation der Erreger, die zum Botulismus führen, gelang erst im Jahre 1897. Da sie vor allem in verdorbener geräucherter Wurst (lateinisch „botulus“) gefunden wurden, gab man ihnen den Namen Clostridium botulinum. Die Symptome einer Vergiftung beginnen meist 12 bis 36 Stunden nach der Aufnahme des Toxins mit Übelkeit, Durchfall oder Verstopfung. Hinzu kommen neurologische Symptome wie Muskelschwäche, Sehstörungen (Diplopie, Verschwommen-Sehen, Lichtscheu), Schluckstörungen und eine akut einsetzende Augenmuskellähmung.

„Die Patienten sind in diesem Stadium bei vollem Bewusstsein“, berichtet das Bundesinstitut für Risikobewertung BfR (BfR: „Schutz vor Botulismus durch Lebensmittel“, 06. 03. 2020). „Sie gehören umgehend in ärztliche Behandlung, wobei möglichst frühzeitig Botulismus-Antitoxin verabreicht und eine unterstützende intensivmedizinische Behandlung begonnen werden sollte.“

 

Lebensmittelvergiftungen mit Clostridium botulinum stellen vor allem bei selbst konservierten Nahrungsmitteln ein schwerwiegendes Gesundheits-risiko dar

Bildnachweis: AdobeStock_214495655_juliedeshaies

 

Tod durch selbst konservierte Lebensmittel

Im Jahr 2018 wurden dem Robert Koch-Institut neun Botulismus-Erkrankungen übermittelt (2017: drei Erkrankungen). Alle Erkrankungen waren durch Lebensmittel bedingt und wurden in Deutschland erworben. Betroffen waren drei Frauen, fünf Männer und ein achtjähriges Mädchen. Das RKI schildert typische Beispiele: Ein Ehepaar erkrankte nach dem Verzehr von selbst eingekochten gelben Bohnen. Es konnte sowohl in den Bohnen als auch bei den Eheleuten Botulinum-Neurotoxin Serotyp A nachgewiesen werden. Ein weiteres Ehepaar erkrankte nach Verzehr von selbst hergestelltem geräuchertem Schinken aus Hausschlachtung. Im Schinken konnte Botulinum-Neurotoxin Serotyp B festgestellt werden. Eine weitere Erkrankung eines 34-jährigen Mannes wurde auf den Verzehr von selbst gefangenem Fisch zurückgeführt. Einer der Erkrankungsfälle endete tödlich: Die Vergiftung führte bei dem nach Bohnenverzehr erkrankten 79-jährigen Mann zum Tod (RKI: „Infektionsepidemiologisches Jahrbuch meldepflichtiger Krankheiten für 2018“, S. 59).

Die wichtigste Vorbeugung gegen Botulismus ist hygienisches Arbeiten bei der Herstellung von Eingemachtem und von Handelskonserven sowie ein gründliches Erhitzen der Nahrungsmittel vor dem Genuss. Fatalerweise ist Botulinum-Toxin weder am Geruch noch am Geschmack erkennbar. Deshalb erscheint der Inhalt der Einmachgläser und Konserven nicht als verdorben, wenn nicht zusätzliche Fäulnisprozesse eingetreten sind. Oft bildet sich in den Konserven Gas, das dann die Büchsenoberfläche auftreibt. Solche aufgetriebenen Konserven sollten vorsorglich nicht geöffnet, sondern vernichtet werden.

 

Säuglingsbotulismus – eine Gefahr für die Kleinsten

Bei Kindern im ersten Lebensjahr und insbesondere in den ersten sechs Monaten kann als Sonderform der Säuglingsbotulismus auftreten. Spuren des Erregers, die vom Säugling über Lebensmittel aufgenommen werden, können im Darm auskeimen und dabei zu einer Toxin-Bildung führen. In der Folge kommt es zur Muskellähmung, „Bei älteren Kindern und Erwachsenen besteht diese Gefahr nicht mehr, vermutlich wirkt eine stabile Darmflora dem entgegen“, so das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR). Das BfR erläutert: „Eine bekannte Quelle für den Säuglingsbotulismus ist Honig. Er sollte deshalb nicht an Säuglinge unter einem Jahr verabreicht werden. Auch Brustwarzen oder Schnuller sollten nicht mit Honig bestrichen werden, um Saughemmungen zu überwinden. Getränke sollten nicht mit Bienenhonig gesüßt werden“. Diese Warnung gilt allerdings nicht für den Honig als Bestandteil von Säuglingsfertignahrung. Bei ihrer Herstellung müssen die Produzenten dafür Sorge tragen, dass Verfahren angewendet werden, die für die Abtötung von Clostridium botulinum ausreichen.

 

Botox: Eine Therapieoption bei gustatorischem Schwitzen

Nach Operationen oder Verletzungen an den Speicheldrüsen oder am Hals kommt es gelegentlich vor, dass die Impulse parasympathischer Nervenfasern, die normalerweise die Speicheldrüsen innervieren, fehlgeleitet werden und an den (ansonsten sympathisch innervierten) Schweißdrüsen andocken. Die Folge ist das sogenannte gustatorische Schwitzen, auch Geschmacksschwitzen genannt. Bei Situationen, die normalerweise einen Speichelfluss auslösen, also beim Essen, Kauen, Lutschen oder Beißen tritt starkes Schwitzen in Bereichen des Gesichts und des Halses auf.

Dr. Sabrina Köhler und ihre HNO-Kollegen an der Universität Göttingen berichteten auf einem Kongress über einen Patienten, der nach mehreren Operationen im Gesicht und Nacken exzessiv unter gustatorischem Schwitzen litt und sich in seiner Lebensqualität extrem beeinträchtigt fühlte. Der von Schweiß bedeckte Bereich erstreckte sich vom Halsdreieck bis zur behaarten Kopfhaut des Mannes.

Zur Behandlung wurden mehrere Injektionen von Botulinum-Toxin A (Botox) unter Vollnarkose benötigt. Trotz einer geringen Einschränkung der mimischen Muskulatur war der Patient mit der durch Botox erreichten Normalisierung der Schweißsekretion im Gesichtsbereich hoch zufrieden (GMS Curr Posters Otorhinolaryngol Head Neck Surg 2013;9:Doc34).

 

Ein Gift macht Karriere in der Medizin

Während gefährliche Lebensmittelvergiftungen immer seltener werden, entdeckten Ärzte immer neue Möglichkeiten für die Nutzbarmachung des Botulinum-Toxins. Sie setzen es – verständlicherweise extrem verdünnt und bekannt als Botox – vor allem gegen Krankheiten ein, die mit einem ungewöhnlich hohen Muskeltonus einhergehen. Das Botulinum-Neurotoxin Typ A wurde zu Beginn der 1980er Jahre vom Augenarzt Allan Scott in San Francisco zum ersten Mal zur Behandlung des Schielens verwendet und dient seither als zugelassenes Arzneimittel zur Behandlung von Bewegungsstörungen und Lähmungen. Besonders viele Erfahrungen liegen mittlerweile bei der Therapie von Dystonien vor. Zu den häufigsten Formen gehören der spastische Schiefhals (Tortikollis) und der Blepharospasmus. Patienten mit Schiefhals leiden unter einer abnormen Muskelspannung, die sie zwingt, den Kopf in einer unnatürlichen Seitenstellung zu halten. Beim Blepharospasmus kneift der Betroffene seine Augenlider immer wieder zusammen. Das kann sogar dazu führen, dass er trotz gesunder Augen praktisch blind ist. Oft kommen auch Verkrampfungen der Muskulatur des Kiefers, der Zunge und des Mundes hinzu, dem Meige-Syndrom (idiopathische orofaziale Dyskinesie) oder auch Breughel-Syndrom, das der flämische Maler Pieter Breughel der Ältere schon vor vierhundert Jahren auf einem Bild mit dem Titel „Der Gähner“ verewigt hat.

Das verdünnte Botulinum-Toxin bewirkt über neuronale Entkopplung eine Relaxation der Muskulatur und führt so zu einer weitgehenden Abnahme der Häufigkeit und Stärke der Spasmen. Lokale Nebenwirkungen treten in etwa 15 bis 20 Prozent der Fälle auf. Angesichts der oft bizarren Krankheitsbilder der Dystonie werden sie jedoch von den Patienten meist gern in Kauf genommen: Personen mit einer Dystonie werden nämlich von ihrer Umgebung oft für skurrile, psychisch gestörte Menschen gehalten und gemieden, beklagen Patienten, die sich in der „Deutschen Dystonie Gesellschaft“ zusammengeschlossen haben. Das gezähmte Gift hilft auch Menschen, die ständig unter feuchtnassen Händen oder einer anderen Form der Hyperhydrosis leiden.

Seit 1992 gilt Botox als das wichtigste Mittel der ästhetischen Medizin: Weltweit wurden im Jahr 2018 rund 6,1 Millionen ästhetische Behandlungen mit Botulinum-Toxin vorgenommen (Statista 04.09.2019). An erster Stelle der Eingriffe stehen nicht-invasive Faltenbehandlungen.

 

Lajos Schöne

PK 4/2020