Close
Menschen aus systemrelevanten Berufsgruppen, wie medizinisches und pflegerisches Personal, sind durch die Pandemie nicht nur äußerst gefordert, sondern auch einem erheblichen Gefährdungspotenzial ausgesetzt. Bildnachweis: AdobeStock_333471566_pangoasis

COVID-19: Ein potenziell toxischer Stressfaktor

Pandemien haben sich bereits in früheren Jahren als eine nicht zu unterschätzende Gefahr für die psychische Gesundheit gezeigt. Als Stressoren wurden längere Quarantänedauer, Infektionsängste, Frustration, Langeweile, unzureichende Informationen, finanzielle Einbußen und die wahrgenommene Stigmatisierung identifiziert. Als besonders vulnerable Gruppe erwiesen sich dabei die im Gesundheitswesen tätigen Personen. Dies trifft auch für die gegenwärtige Corona-Pandemie zu.

Aktuelle Studien signalisieren einen zunehmenden Anstieg der psychischen Belastung in der Bevölkerung durch die COVID-19-Pandemie. Die Untersuchungen kommen relativ einheitlich zu dem Schluss, dass nicht nur die Erkrankung selbst, sondern auch die Maßnahmen zur Reduzierung der Virusverbreitung zu einer Zunahme von Depressionen und Angststörungen führen.

In einer Übersichtsarbeit im Fachblatt „Nervenarzt“ beschäftigen sich Psychiater der Berliner Charité mit den ausgeprägten Ängsten in der Bevölkerung, die mit der internationalen Verbreitung des Coronavirus SARS-CoV-2 einhergehen (Bendau A et al., Ängste in Zeiten von Covid-19 und anderen Gesundheitsrisiken, Nervenarzt 2021; 92: 417–425). Internationale Studien zeigen dabei vergleichbare Werte wie ihre eigenen Untersuchungen. In einer umfangreichen Datenerhebung mit über 300.000 Teilnehmenden der US-amerikanischen Bevölkerung überschritt beispielsweise mehr als ein Drittel der Befragten die ScreeningSchwelle für eine Depression und / oder Angststörung. Verglichen mit einer Stichprobe aus 2019 stellte dies eine Erhöhung um das Dreifache dar (Twenge JM, Joiner TE (2020), U.S. Census Bureau-assessed prevalence of anxiety and depressive symptoms in 2019 and during the 2020 COVID-19 pandemic. Depress. Anxiety. https:// doi.org/10. 1002/da.23077).

In zwei deutschen Studien mit etwa 6.500 beziehungsweise 15.700 Personen berichteten mehr als die Hälfte der Teilnehmenden, unter Ängsten und psychischem Stress aufgrund der Pandemie zu leiden (Petzold MB et al. (2020), Risk, resilience, psychological distress, and anxiety at the beginning of the COVID-19 pandemic in Germany, Brain Behav. https://doi.org/10.1002/ brb3.1745. Bäuerle A et al. (2020), Increased generalized anxiety, depression and distress during the COVID-19 pandemic: a cross-sectional study in Germany, J. Public Health. https://doi.org/ 10.1093/pubmed/fdaa106).

Die Permanenz der Krise hat auch in der Schweizer Bevölkerung tiefe Spuren hinterlassen. In der unter der Leitung von Professor Dominique de Quervain von der Universität Basel durchgeführten Corona-Stress-Studie berichtete etwa jeder zweite Schweizer, vermehrt Symptome von Stress, Angst oder Depression zu empfinden (de Quervain D et al. 2020, The Swiss Corona Stress Study. OSF Preprints. https://doi.org/10.31219/osf.io/jqw6a.). Der Anteil der Menschen, die schwere depressive Symptome erlebten, war von 3,4 Prozent vor der Krise auf 9,1 Prozent im Lockdown gestiegen.

 

Die Corona-Pandemie hat in allen Alterklassen Spuren durch psychische Belastungen hinterlassen. Großeltern litten besonders darunter, ihre Enkelkinder nicht mehr sehen zu dürfen. Bildnachweis: AdobeStock_304067684_NDABCREATIVITY

Die Corona-Pandemie hat in allen Alterklassen Spuren durch psychische Belastungen hinterlassen. Großeltern litten besonders darunter, ihre Enkelkinder nicht mehr sehen zu dürfen.

Bildnachweis: AdobeStock_304067684_NDABCREATIVITY

 

Erhebliche psychosoziale Auswirkungen der Pandemie

Die Fachgruppe Klinische Psychologie und Psychotherapie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie (DGPs) bezeichnet die aktuelle COVID-19-Pandemie als „ein neuer, einzigartiger, multidimensionaler und potenziell toxischer Stressfaktor, der die Pandemie als eine besondere Bedrohung für die psychische Gesundheit erscheinen lässt.“

In einem Positionspapier der Fachgruppe, die jüngst unter der Federführung von Prof. Dr. Eva-Lotta Brakemeier vom Institut für Psychologie der Universität Greifswald publiziert wurde, werden die Auswirkungen der Pandemie auf bestimmte Bevölkerungsgruppen ausführlich unter die Lupe genommen (Brakemeier EL et al., Die Covid-19-Pandemie als Herausforderung für die psychische Gesundheit, Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie (2020) https://doi.org10.1026/1616-3443/a000574).

Danach erscheinen Kinder und Jugendliche besonders gefährdet, psychische Probleme und Störungen zu entwickeln. Der Grund: Soziale Kontakte mussten über Monate eingeschränkt werden. So fielen für Kinder und Jugendliche vielfältige Bildungsangebote sowie die bisherigen sozialen Strukturen außerhalb des Elternhauses nahezu vollständig weg. „Es ist zu erwarten, dass die Kontaktunterbrechung Konsequenzen auf die soziale Entwicklung haben wird“, befürchten die Autoren. „Dies betrifft vermutlich in besonderem Maße sehr junge Kinder, die gerade beginnen, außerfamiliäre Bindungen aufzubauen.“

Auch junge Erwachsene und insbesondere Studierende erlitten gravierende Einschränkungen im Sozialleben, z. B. eingeschränkte Möglichkeiten der Partnersuche und sexueller Aktivität oder den Verzicht auf Partys und Kulturveranstaltungen. Auch der spätere Berufserfolg ist gefährdet: „Die Umstellung der Universitäten auf digitale Lehrformate erschwert soziale Kontakte und könnte auch zu Schwierigkeiten in der Tagesstrukturierung, vermehrter Prokrastination und Prüfungsängsten führen“, so Brakemeier und Kollegen.

Für Alleinstehende besteht die Gefahr einer Zunahme der Isolation sowie der subjektiv empfundenen Einsamkeit. Beides könne dramatische Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit haben. Ältere Menschen erleiden zusätzliche medizinische Einbußen. Derzeit ist jede fünfte in Deutschland lebende Person älter als 66 Jahre und zählt zu der Personengruppe, die ein höheres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben. Das hat erhebliche Folgen, betonen die Autoren: „Im Rahmen von Sicherheitsmaßnahmen werden insbesondere älteren Menschen erhebliche und vor allem langfristige Kontaktbeschränkungen empfohlen, wie beispielsweise den Kontakt zu den Enkelkindern zu vermeiden. Zudem erlebten ältere Menschen im Frühjahr 2020 eine ausgrenzende gesundheitspolitische Debatte, in welcher diskutiert wurde, ob das Alter per se ein Kriterium für das Erteilen medizinischer Hilfe sein könne.“

 

Menschen aus systemrelevanten Berufsgruppen, wie medizinisches und pflegerisches Personal, sind durch die Pandemie nicht nur äußerst gefordert, sondern auch einem erheblichen Gefährdungspotenzial ausgesetzt. Bildnachweis: AdobeStock_333471566_pangoasis

Menschen aus systemrelevanten Berufsgruppen, wie medizinisches und pflegerisches Personal, sind durch die Pandemie nicht nur äußerst gefordert, sondern auch einem erheblichen Gefährdungspotenzial ausgesetzt.

Bildnachweis: AdobeStock_333471566_pangoasis

 

Medizinische Berufe sind gefordert und gefährdet

Personen in systemrelevanten Berufen sind durch die Pandemie besonders gefordert und gefährdet. Das gilt insbesondere für pflegerisches, medizinisches und therapeutisches Personal. Die durch die Überlastung notwendige Triage kann bei Ärzten psychischen Stress auslösen, Scham- und Schuldgefühle hervorrufen und zur Entwicklung psychischer Störungen oder sogar zu Suizidalität führen.

Mit den Belastungen der Beschäftigten im Gesundheitswesen während der ersten Pandemiewelle befasste sich auch eine aktuelle Studie der Universität Bonn. Sie basiert auf einer gemeinsamen großen Online-Befragung von über 4.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Universitätskliniken Bonn, Erlangen, Ulm, Dresden und Köln.

„Darunter waren neben dem ärztlichen Personal und den Pflegekräften auch zwei Gruppen, die in der Diskussion bislang vernachlässigt wurden“, erklärt Prof. Dr. Franziska Geiser, Direktorin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bonn: „Einerseits die vergleichsweise kleine Zahl der Seelsorgerinnen und Seelsorger in den Kliniken. Und andererseits die vielen medizinischtechnischen Angestellten – die MTAs in den Untersuchungsbereichen, der Radiologie und den Laboren.“ Sie sollten unter anderem angeben, wie sehr sie sich aktuell und vor der Umfrage durch ihre Arbeit belastet fühlten und wie oft sie unter Depressions- und Angstsymptomen litten (Schmuck J et al., Sense of coherence, social support and religiosity as resources for medical personnel during the COVID-19 pandemic: A web-based survey among 4324 health care workers within the German Network University Medicine. PLOS ONE; https://doi.org/10.1371/journal.pone.0255211).

Ausgewertet wurden mehr als 4.300 ausgefüllte Fragebögen. Jeweils mehr als 20 Prozent der Befragten gaben Depressions- oder Angstsymptome in einem behandlungsbedürftigen Ausmaß an. Besonders überraschend dabei: Diejenigen, die am stärksten unter den psychischen Folgen der Pandemie litten, waren in der Studie die MTAs. „Warum das so ist, darüber können wir nur spekulieren“, erklärt die Forscherin. „Wir sollten aber auf jeden Fall im Auge behalten, dass in derartigen Situationen nicht nur die Intensivstationen belastet sind, sondern das ganze System. Wir müssen auch diejenigen stärken, die vielleicht nicht so sehr im Rampenlicht stehen, sondern als Helfer im Hintergrund häufig vergessen werden.“

Auch die Seelsorgerinnen und Seelsorger gaben einen Anstieg der Belastung durch die Pandemie an, sie zeigten aber im Vergleich zu den anderen Berufsgruppen die wenigsten Angst- oder Depressions-Symptome.

Neben den vielfältigen Risikofaktoren und Problembereichen gibt es jedoch auch Faktoren, die vor psychischen Folgen von Stress schützen: Die sogenannte Resilienz steht für die Widerstandsfähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende psychische Beeinträchtigung zu überstehen und aus einer Krisensituation neue Entwicklungspotenziale zu schöpfen (siehe Kasten).

In der Studie der Bonner Forschungsgruppe stach unter den potenziellen Resilienzfaktoren besonders das Kohärenzgefühl hervor. Der Begriff stammt aus der Salutogenese, einem in den 1980er Jahren von dem Mediziner Aaron Antonovsky entwickelten Konzept, das die Suche nach gesundheitsfördernden Faktoren und Einstellungen in den Mittelpunkt stellt. „Das Kohärenzgefühl bezeichnet das Ausmaß, in dem wir unser Leben als verstehbar, sinnhaft und bewältigbar empfinden“, erklärt Jonas Schmuck, der zusammen mit Dr. Nina Hiebel Erstautor der Bonner Studie ist. Je ausgeprägter das Kohärenzgefühl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter war, desto seltener litten sie unter psychischen Symptomen während der ersten Pandemiewelle.

 


Resilienz: Schutz durch Freunde und Spiritualität

Prof. Dr. med. Undine Lang von den Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel sieht eine wichtige Quelle der Resilienz in der Unterstützung durch Angehörige und Freunde, Aktivitäten, Spiritualität und das Gefühl eines Lebenssinns. Doch auch weitere psychosoziale Faktoren tragen laut Undine Lang zu einer verbesserten Resilienz bei:

  • „ Schützende Faktoren sind das Aufwachsen in ländlicher Umgebung. Auch Grünflächen in urbanen Gebieten wirken protektiv auf das psychische Wohlbefinden.
  • „ Einer der wichtigsten psychischen Stabilisatoren ist ein bestehender Arbeitsplatz.
  • „ Bedeutende Ressourcen sind Freundschaften. Denn Kontakte mit Freunden, ein Austausch und das Erleben von Verständnis, Anteilnahme und emotionaler Unterstützung sorgen dafür, dass Stresserlebnisse weniger bedrohlich erlebt werden. Auch die Ehe stellt insbesondere für Männer einen Schutzfaktor dar.
  • „ Haustiere fördern gleichfalls die Resilienz. So sind bei Hundehaltern ein niedrigerer Blutdruck, weniger Übergewicht, eine höhere Lebenserwartung und eine geringere Sterblichkeit nach schweren Erkrankungen zu beobachten. Es zeigte sich außerdem, dass im klinischen Setting Hunde psychische Symptome wie Angst und Depression verbessern können.
  • „ Das religiöse Zugehörigkeitsgefühl hat sich in über 5000 wissenschaftlichen Berichten als Schutzfaktor bezüglich Depressionen, Sucht, Suiziden und stressassoziierten Erkrankungen erwiesen.
  • „ Auch Sport schützt vor psychischen und körperlichen Erkrankungen: Neben Psychotherapie und Pharmakotherapie gehört Sport mittlerweile zu den Behandlungsleitlinien sämtlicher psychiatrischer Erkrankungen.

Ein weiterer, vielleicht überraschender Hinweis der Basler Psychiaterin: „In einer Übersichtsarbeit, die 6000 Studienteilnehmer aus 18 Studien umfasste, zeigte sich auch die Fähigkeit, sich selbst und anderen zu vergeben als eine Ressource, welche das psychologische Wohlbefinden, die körperliche und die psychische Gesundheit steigern kann“ (Davis DE et al., Forgiving the self and physical and mental health correlates: a meta-analytic review, J. Couns. Psychol. 2015; 62:329–35).


 

Lajos Schöne

 

PK 5/2021