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Demenz: Düstere Aussichten für Medizin und Gesellschaft

Mit gegenwärtig rund 1,7 Millionen betroffenen Menschen in Deutschland sind Demenzerkrankungen schon heute von großer Bedeutung für das Gesundheitswesen und die Gesellschaft. Da es aufgrund des demographischen Wandels mehr ältere Menschen gibt, die zugleich immer älter werden, muss aufgrund aktueller Prognosen in schon absehbarer Zeit mit einer Verdoppelung der von Demenz Betroffenen gerechnet werden. Angesichts dieser Steigerung stehen die Entscheidungs- und Kostenträger im Gesundheitswesen vor einer immensen Aufgabe.

Der geistige Verfall von alten Menschen wurde von der Medizin lange Zeit vernachlässigt. Tatenlos sah man dem scheinbar unaufhaltsamen Schwund von Gedächtnis und Bewusstsein zu. In den Dreißiger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde die zunehmende Verwirrung älterer Patienten sogar als „ein Wunsch des Unbewussten nach Verjüngung“ schöngeredet. An die Stelle der Resignation sind jedoch mittlerweile geradezu verzweifelte Aktivitäten getreten: Angesichts der lawinenartigen Zunahme von Demenzerkrankungen wird ihre Erforschung in aller Welt vorangetrieben.

Auch das Interesse der Öffentlichkeit wächst, weil die früher oft schamvoll verschwiegene Krankheit auch prominenter Persönlichkeiten mittlerweile offen diskutiert werden kann. Problematisch wirkt die Situation durch die paradoxe Konstellation der Demenzforschung: Während beeindruckende Fortschritte bei der Diagnose erzielt werden, gibt es immer wieder Misserfolge bei der Therapie. Mit Hilfe von Biomarkern lassen sich heute verschiedene Demenzformen schon frühzeitig vorhersagen, jedoch gibt es trotz langjähriger Forschung keine neuen Medikamente. Die letzte Zulassung liegt 16 Jahre zurück (Pharma Fakten 2019). Auch 2019 sind mehrere Phase-III-Studien mit Ansätzen gegen die Beta-Amyloid-Bildung gescheitert.

 

Die steigende Lebenserwartung hierzulande führt zum drastischen Anstieg von Demenzerkrankungen. Dies bringt unter anderem erhebliche sozioökonomische Probleme mit sich.

Bildnachweis: AdobeStock_120201098_ Preview Kzenon

 

Demenzen haben viele Varianten

Demenz ist der Oberbegriff für verschiedene Erkrankungen, die zwar unterschiedlich verlaufen können, jedoch alle zu einer Reduktion der Hirnleistung führen. Bereits bekannt sind heute etwa 100 verschiedene Unterformen. Vor einiger Zeit haben Wissenschaftler um Prof. Dr. Peter T. Nelson von der University of Kentucky in Lexington eine weitere Variante der Demenz vorgestellt, die ihnen in den letzten Jahren bei Autopsien aufgefallen war. Sie fanden vor allem in limbischen Hirnstrukturen Ansammlungen des Proteins TDP-43. Als Bezeichnung dafür schlugen sie das Akronym LATE vor (Nelson P. T. et al.: „Limbic-predominant age-related TDP-43 encephalopathy (LATE): consensus working group report“, BRAIN 2019: 142; 1503–1527).

Zu den vier häufigsten Demenzsyndromen (90 Prozent aller Fälle) gehören nach Ausschluss reversibler Demenzursachen:

  • die Alzheimer Krankheit,
  • die vaskuläre Demenz,
  • die Lewy-Körperchen-Demenz und
  • die frontotemporale Demenz oder Pick-Krankheit.

Die häufigste Form ist die Alzheimer Krankheit. Sie ist für 60 bis 70 Prozent aller Demenzerkrankungen verantwortlich. Bei Alzheimer-Kranken sind die Konzentrationen von beta-Amyloid und Tau-Protein im Liquor in charakteristischer Weise verändert. Benannt ist Morbus Alzheimer nach dem deutschen Neurologen Alois Alzheimer (1864 bis 1915). Er hatte im Jahre 1906 erstmals die Krankheit beschrieben, nachdem er im Gehirn einer verstorbenen 51-jährigen Patientin charakteristische Veränderungen festgestellt hatte.

Nach heutigem Wissensstand führt eine auf einer multifaktoriellen Genese basierende progressive Atrophie der Großhirnrinde zum geistigen Verfall der Alzheimerkranken. Der Patient wird immer vergesslicher, zunehmend verwirrt und desorientiert. Anfangs versucht er noch die Ausfälle zu überspielen, später verfällt er jedoch mehr und mehr in Resignation. Beweglichkeit und sprachliche Möglichkeiten verkümmern, immer stärker klammert sich der Kranke an seine Familienangehörigen. Im Endstadium können die Patienten nicht mehr gehen oder selbständig essen. Häufig werden auch Patienten mit depressiven Erkrankungen aufgrund der psychischen und körperlichen Verlangsamung für dement gehalten („Pseudodemenz“). Andererseits entwickelt rund die Hälfte der Alzheimer-Patienten im Laufe ihrer Demenz depressive Verstimmungen, möglicherweise als Reaktion auf die nachlassenden kognitiven Fähigkeiten.

 

Erhebliche sozioökonomische Probleme

Die künftige Entwicklung der Demenzerkrankungen lässt sich durch die Gegenüberstellung der einzelnen demographischen und krankheitsspezifischen Einflussfaktoren differenziert betrachten, berichten die Aalener Wirtschaftswissenschaftler Valeska Milan und Stefan Fetzer im Bundesgesundheitsblatt (Milan V., Fetzer S.: „Die zukünftige Entwicklung von Demenzerkrankungen in Deutschland – ein Vergleich unterschiedlicher Prognose-modelle“, Bundesgesundheitsbl. 2019, 62:      993–1003, https://doi.org/10.1007/ s00103-019-02981-3). Die Notwendigkeit solcher Prognosen ergibt sich aus der Tatsache, dass Demenzerkrankungen neben der gesetzlichen Krankenversicherung insbesondere die soziale Pflegeversicherung betreffen.

Neben deren Ausgaben und damit auch der Beitragssatzentwicklung hängen aber auch rationale angebotsseitige Entscheidungen, wie z. B. die Planung von Pflegeheimkapazitäten oder Entscheidungen der pharmazeutischen Industrie für Forschungsinvestitionen, von zukünftigen Krankheitshäufigkeiten ab. Die Wissenschaftler konstatieren: Bei einer noch stärkeren Zunahme der Lebenserwartung (bei Geburt für Frauen um 7,3 und Männer um 8,5 Jahre) muss bis 2060 mit einer Anzahl von 3,7 Millionen Menschen mit Demenz gerechnet werden.

 

Die Kosten werden sich verdreifachen

Mit den ökonomischen und gesellschaftlichen Herausforderungen dieser Entwicklung befassen sich Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen in Greifswald und der Universität Greifswald in einer Metaanalyse (Michalowsky B. et al.: „Ökonomische und gesellschaftliche Herausforderungen der Demenz in Deutschland – Eine Metaanalyse“, Bundesgesundheitsbl. 2019, 62:981–992 https://doi. org/10.1007/s00103-019-02985-z). Die ermittelten Fakten unterstreichen die Notwendigkeit baldigen Handelns: Es treten jährlich ca. 300.000 neue Demenz-erkrankungen auf. Die meisten Menschen mit Demenz (ca. 75 Prozent) leben in der eigenen Häuslichkeit und werden von ihrem Ehepartner oder aber den Kindern bzw. Schwiegerkindern betreut und gepflegt. Pflegende Angehörige stellen daher eine wichtige Säule in der Versorgung dar. Probleme in der Vereinbarkeit von Beruf und Pflege, Arbeitszeitreduzierung oder die frühzeitige Aufgabe der Berufstätigkeit sind häufige Folgen der hohen zeitlichen Beanspruchungen und körperlichen und psychischen Belastungen dieser so genannten informellen Pflege.

Die steigenden Patientenzahlen stellen eine enorme ökonomische Herausforderung dar: „Im Vergleich zu den gesamten Gesundheitsausgaben, welche zwischen 2002 und 2015 um 51 Prozent gestiegen sind, zeigte sich ein überproportionaler Anstieg von 89 Prozent bei den Krankheitskosten der Demenz, welche schon heute eine der teuersten Erkrankungen unserer Gesellschaft ist und durch das Voranschreiten des demographischen Wandels auch in der Zukunft sein wird“, so die Autoren der Metaanalyse. Die Gesamtkosten der Menschen mit Demenz in Deutschland sind abhängig vom Verhältnis der im Heim bzw. in der Häuslichkeit lebenden Personen. Sie beliefen sich für das Jahr 2016 auf 34 Milliarden Euro für die Kostenträger, von denen 18 Milliarden Euro allein der Demenzerkrankung (Zusatzkosten) zugeschrieben werden können. Bis zum Jahr 2060 werden sich laut diesen Berechnungen die Kosten der Demenz verdreifachen, während sich die Kosten für alle über 65-Jährigen „lediglich“ verdoppeln. Laut Analyse der Greifswalder Wissenschaftler verteilen sich die Kosten der Demenz jeweils zur Hälfte auf das Gesundheitssystem und deren Träger sowie auf die Familien. Die jährlichen Pro-Kopf-Kosten, die von den Betroffenen und deren Angehörigen getragen werden, betrugen im Jahr 2016 rund 25.573 Euro und waren damit 24 Prozent höher als die der Kostenträger (20.659 Euro)!

Die Wissenschaftler geben zu bedenken: „Aufgrund der geringen Geburtenraten, der hohen Scheidungsrate, des immer höher werdenden Anteils im Alter alleinlebender Personen sowie des Wegzugs vieler Kinder wäre es möglich, dass in naher Zukunft prozentual immer weniger pflegende Angehörige für pflegebedürftige Personen zur Verfügung stehen werden. Monetäre und nicht monetäre Unterstützungs- und Entlastungsleistungen für pflegende Angehörige sind daher unabdingbar, um den für die nächsten Jahre prognostizierten Kostenanstieg nicht noch weiter durchwachsende gesellschaftliche Veränderungen zu erhöhen“.

 

Lajos Schöne

PK 6/2019