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Die Reisediarrhoe, auch als „Montezumas Rache“ bezeichnet, tritt vor allem bei Reisen in südliche Regionen auf. Bildnachweis: AdobeStock_64487580_wild

„Montezumas Rache“: Das Leiden auf Fernreisen

Infektiöse Enteritiden gehören weltweit zu den häufigsten Infektionserkrankungen. Nach Schätzungen macht jeder Zweite bis Dritte pro Jahr mindestens eine relevante Durchfallepisode durch. Studien lassen vermuten, dass in Deutschland etwa 65 Millionen Erkrankungsfälle einer akuten Gastroenteritis pro Jahr auftreten. Bei Fernreisen in heiße Regionen ist „Montezumas Rache“ die häufigste infektiöse Erkrankung überhaupt.

Für einzelne Enteritiserreger finden sich hierzulande saisonale Häufungen, wie zum Beispiel für Noroviren im Winter, Rotaviren im Frühjahr und Salmonellen im Sommer, während andere wie Campylobacter spp.-Infektionen sporadisch auftreten. Die meisten dieser akuten gastrointestinalen Infektionen nehmen einen leichten Verlauf und können im häuslichen Umfeld therapiert werden.

Dennoch muss bei akuten Gastroenteritiden mit einem steigenden Prozentsatz an Betroffenen gerechnet werden, die auf Grund anderer Erkrankungen oder eines hohen Lebensalters Gefahr laufen, durch den Infekt weitere Komplikationen zu erleiden oder sogar daran zu versterben (Lammert F. et al., Weißbuch Gastroenterologie 2020, S. 127ff). Dies gilt ebenso für die Reisediarrhoe, auch als „Montezumas Rache“ bezeichnet, die bei Reisenden aus gemäßigten Klimaregionen in tropische oder subtropische Länder meist schon in den ersten Tagen auftritt.

 

Die Reisediarrhoe, auch als „Montezumas Rache“ bezeichnet, tritt vor allem bei Reisen in südliche Regionen auf. Bildnachweis: AdobeStock_64487580_wild

Die Reisediarrhoe, auch als „Montezumas Rache“ bezeichnet, tritt vor allem bei Reisen in südliche Regionen auf.

Bildnachweis: AdobeStock_64487580_wild

 

Wo das Risiko am höchsten ist

Je weiter südlich, beziehungsweise je näher am Äquator das Reiseland liegt, umso größer ist die Gefahr, an einer Reisediarrhoe zu erkranken. In tropischen Regionen, z. B. in Kenia oder Brasilien, liegt das Risiko durchschnittlich zwischen 20 und 50 Prozent. Als Hochrisikoländer gelten ferner Ägypten, Indien, Pakistan und Myanmar. Dort erleidet statistisch gesehen mehr als jeder zweite Reisende mindestens eine Durchfallepisode.

Wichtige Faktoren sind die Hygienestandards der Unterkunft und der Ernährungsstil. Wird das Essen überwiegend über Buffets angeboten, bietet auch ein Fünf-Sterne-Hotel keine zuverlässige Sicherheit. Ein erhöhter pH-Wert im Magen, beispielsweise nach Einnahme von Protonenpumpenhemmern (PPI), ein jüngeres Lebensalter und die Herkunft aus einem westlichen Industrieland erhöhen das Erkrankungsrisiko. Spezifische Therapiemaßnahmen sind bei dieser in der Regel selbstlimitierenden Erkrankung nur selten erforderlich. Auch eine routinemäßige Erreger-Diagnostik halten Infektionsmediziner des Universitätsklinikums Leipzig weder aus medizinischer noch ökonomischer Sicht für sinnvoll (Wendt S. et al., Montezumas Rache – die Reisediarrhö, Gynäkologe 2020, 53: 78–87, https://doi.org/10.1007/ s00129-019-04547-5). Ausnahmen sind jedoch bestimmte Personengruppen wie Immunsupprimierte, Schwangere oder persistierende Symptome, die bei vielen Reiserückkehrern den häufigsten Grund für einen Arztbesuch darstellen.

Durchschnittlich werden 80 bis 90 Prozent aller Episoden von Reisedurchfall durch Bakterien, fünf bis zehn Prozent durch Viren und 5 bis 10 Prozent durch Protozoen verursacht, berichten Tropenmediziner der Universität Basel (Künzli E. et al., Durchfall beim Reiserückkehrer“, Swiss Med. Forum. 2021; 21 (0910): 149–153).

Die wichtigsten bakteriellen Pathogene, die für akute, teils aber auch persistierende Infektionen bei Reiserückkehrern in Betracht gezogen werden müssen, sind:

  • enteroaggregative Escherichia coli [EAEC],
  • enteropathogene Escherichia coli [EPEC],
  • enterotoxische Escherichia coli [ETEC],
  • Campylobacter jejuni,
  • Shigella spp.,
  • Salmonella spp.,
  • Aeromonas spp.,
  • Plesiomonas shigelloides und
  • Vibrio spp.

Zu den wichtigsten viralen Erregern zählen Noroviren und Rotaviren. Aber auch Protozoen wie Giardia intestinalis oder Entamoeba histolytica, Cryptosporidium spp., Cyclospora cayetanensis und Cystoisospora spp. können in Frage kommen.

Reisediarrhöen präsentieren sich häufig als Gastroenteritis. Steht Erbrechen im Vordergrund, sind in den meisten Fällen virale Infekte, aber auch Lebensmittelvergiftungen die Ursache. Wird die Symptomatik von Oberbauchbeschwerden und Übelkeit (bei längerer Anamnese häufig auch von einem deutlichen Gewichtsverlust) begleitet, liegt häufig eine Giardia intestinalis-Infektion vor.

Eine persistierende Diarrhoe betrifft etwa zwei Prozent aller wegen Reisediarrhoe vorstellig werdender Patienten.

 

Entscheidend ist eine schnelle Rehydratation

Die Therapie ist primär symptomatisch. Wichtig ist die schnelle orale Rehydrierung mit zucker- und salzhaltigen Flüssigkeiten. Neben kommerziellen oralen Rehydrierungslösungen (ORS) kommt auch eine Kombination aus gesüßtem Tee mit Salzgebäck in Frage.

Von der Therapie einer Reisediarrhoe mit Aktivkohle wird in aktuellen Therapieempfehlungen deutlich abgeraten. Dies vor allem deshalb, weil zur Wirksamkeit und dem Sicherheitsprofil von Aktivkohle keine validen klinischen Daten zur Verfügung stehen. Bei massivem Erbrechen oder Versagen der oralen Flüssigkeitssubstitution kann eine parenterale Rehydrierung notwendig werden.

Peristaltikhemmer wie Loperamid sind hingegen nicht zu empfehlen, da sie die Verweildauer von Darmpathogenen verlängern.

Auch der Einsatz von Antibiotika wird äußerst kritisch diskutiert. Sie verkürzen zwar die Symptomdauer einer Reisediarrhoe, die Indikationsstellung einer antibiotischen Therapie sollte jedoch im Hinblick auf die potentiellen Nebenwirkungen und die Resistenzproblematik nur unter strenger Nutzen-Risiko-Abwägung erfolgen (De Bruyn G. et al., Antibiotic treatment for travellers’ diarrhoea, The Cochrane database of systematic reviews. 2000; 2000 (3): Cd002242). Ein Reisedurchfall bedarf grundsätzlich keiner Antibiotikatherapie, betonen auch die Schweizer Autoren um Künzli: „In Anbetracht des oft selbstlimitierenden Verlaufes der Erkrankung und der bekannten Nachteile einer Antibiotikatherapie sollte – wann immer möglich – auf eine solche verzichtet werden.“

Eine gut untersuchte Option, die sowohl vorbeugend als auch therapeutisch eingesetzt werden kann, ist hingegen die Arzneihefe Saccharomyces boulardii (siehe Kasten). In der akuten Erkrankungsphase und oft auch danach werden Milch- und Fertigprodukte wegen des passageren Laktasemangels oftmals nicht gut vertragen, berichten die Leipziger Autoren. Eine Schonkost mit vorwiegend langkettigen Kohlenhydraten (z. B. Kartoffeln, Nudeln, Reis, Bananen) wirkt sich dagegen erfahrungsgemäß positiv auf Stuhlfrequenz und -konsistenz aus.

 


Maßnahmen, die vor Reisedurchfall schützen sollen

Die Möglichkeiten einer Prophylaxe sind begrenzt, betonen die Leipziger Autoren um den federführenden Infektionsmediziner Prof. Dr. Christoph Lübbert. Verhaltensempfehlungen, wie „Cook it, peel it, or forget it!“ und strenge Hygienemaßnahmen können jedoch helfen, einer Reisediarrhoe vorzubeugen. Sie werden aber leider nur selten befolgt.

Die üblichen Empfehlungen lauten:

  • Lebensmittel sollten vor dem Verzehr möglichst ausreichend (über 70 Grad Celsius) erhitzt werden.
  • Früchte vor dem Verzehr schälen. Vorsicht bei Erdbeeren, Trauben und Tomaten: Sie können nicht ausreichend gesäubert werden. Vom Konsum von Wassermelonen wird abgeraten, da manchmal zusätzliches Wasser hineingespritzt wird.
  • Verzicht auf frische Salate, kalte Soßen, Desserts mit Rahm, nicht pasteurisierte Milchprodukte und nicht ausreichend gekochtes Fleisch, Geflügel und Fisch. Auch die von Straßenverkäufern angebotenen Lebensmittel sind riskant.
  • Wasser mindestens eine Minute lang abkochen und in einem geschlossenen Behälter aufbewahren.
  • Kein Leitungswasser trinken, nur Wasser aus geschlossenen Flaschen konsumieren.
  • Das Eis zur Kühlung von Getränken sollte aus abgekochtem Wasser oder aus Wasser aus zuverlässiger Quelle (z. B. geschlossene Flaschen) zubereitet worden sein.
  • Probiotika wie die Arzneihefe Saccharomyces boulardii (Perenterol®) haben ebenfalls einen signifikanten protektiven Effekt (McFarland LV (2007), Meta-analysis of probiotics for the prevention of traveler’s diarrhea, Travel Med Infect Dis 5:97–105).

 

Ladislaus Kuthy

 

PK 4/2021