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Die Kopflaus ist ein harmloser Ektoparasit, der ausschließlich den Menschen befällt. Bildnachweis: AdobeStock_244914046_SciePro

Pediculose: Läusealarm in Kitas und Schulen oft unnötig

Der Befall mit Kopfläusen ist die häufigste Parasitose im Kindesalter. Jedes Jahr gilt nach den Sommerferien in vielen Kindergärten und Schulen ‚Läusealarm‘. In der Regel ist dies nicht gerechtfertigt und zumeist sogar kontraproduktiv, heißt es in einer aktuellen Stellungnahme der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin DAKJ: Läuse übertragen keine Krankheiten, und auch die üblichen Verbote des Kita- oder Schulbesuchs sind ineffektiv und unnötig.

Die Kopflaus (Pediculus humanus capitis) ist ein flügelloses, etwa 2 bis 3,1 mm großes, abgeplattetes Insekt und befällt ausschließlich den Menschen. Sie lebt in der Regel permanent im Kopfhaar ihres Wirts, bei massivem Befall können gelegentlich auch andere behaarte Stellen des Oberkörpers (Bart, Augenbrauen, Achselhaare) betroffen sein.

Läuse haben drei Paar kräftige, mit hakenartigen Fortsätzen versehene Beine sowie einen Stechsaugrüssel, mit dem sie die Kopfhaut einritzen und mehrmals täglich Blut als Nahrung aufsaugen. Ihre Speicheldrüsensekrete, die sie in die Wunde einbringen, verhindern dabei die Blutgerinnung und können Immunreaktionen sowie Juckreiz hervorrufen.

Der Lebenszyklus der Kopflaus verläuft in drei Stadien: Ei, Larve bzw. Nymphe (1–2 mm groß) und adulte Laus. Adulte Läuse leben drei bis vier Wochen. Die befruchteten Weibchen produzieren in dieser Zeit bis zu 140 Eier, die sie mit einer wasserunlöslichen Substanz an das Haar kitten. Nach dem Schlüpfen der Nymphen können die leeren Eihüllen (Nissen) noch monatelang im Haar verbleiben.

Die winzigen Parasiten sind seit etwa zwei Millionen Jahren treue Begleiter des Menschen (Feldmeier H, Pediculosis capitis: new insights into epidemiology, diagnosis and treatment, Eur J Clin Microbiol Infect Dis 2012; 31: 2105–10).

Übertragungen finden praktisch ausschließlich durch unmittelbaren Haar-zu-Haar-Kontakt statt. Von der weit verbreiteten Vorstellung, man könne auch durch Kopfpolster in Bussen und Bahnen mit Läusen angesteckt werden, halten Experten nur wenig. Auch Mützen sind höchstens in Einzelfällen eine Übertragungsquelle: Australische Wissenschaftler fanden bei der Untersuchung der Kopfbedeckungen von 1.000 Kindern keine einzige Laus, während sich in den Haaren dieser Kinder 5.500 Läuse befanden (Speare R, Buettner PG, Hard data needed on head lice transmission. Int J Dermatol 2000;39: 877–8). Als Parasit abhängig von der täglichen Blutaufnahme, neigen Läuse nicht dazu, ihren Lebensraum, den behaarten Kopf, freiwillig zu verlassen. Haben die Haare jedoch engen Kontakt, zum Beispiel wenn Kinder beim Lernen, Tuscheln oder Spielen die Köpfe zusammenstecken, findet die Übertragung innerhalb weniger Augenblicke statt. In den langen Haaren von Mädchen können sie sich besonders gut einnisten, an stark krausen Haaren finden sie dagegen schlechter Halt. Besonders wohl fühlen sich Kopfläuse im Bereich von Nacken, Schläfe und hinter den Ohren, gelegentlich aber auch in den Augenbrauen.

 

Die Kopflaus ist ein harmloser Ektoparasit, der ausschließlich den Menschen befällt. Bildnachweis: AdobeStock_244914046_SciePro

Die Kopflaus ist ein harmloser Ektoparasit, der ausschließlich den Menschen befällt.

Bildnachweis: AdobeStock_244914046_SciePro

 

Evidenz statt sinnlosem Aktivismus

Eine siebenköpfige Kommission für Infektionskrankheiten und Impffragen der Deutschen Akademie für Kinderund Jugendmedizin hat in jüngster Zeit 63 weltweite Studien und Informationsmedien zur Pediculosis capitis evaluiert und kommt dabei zu überraschenden Ergebnissen (DAKJ (2020): Evidenzbasierte Kontrolle der Pediculosis capitis und deren Sekundärprävention). Unter der Federführung von Dr. Axel Iseke, Kinder- und Jugendarzt beim Gesundheitsamt der Stadt Münster, räumen die Autoren mit vielen althergebrachten Empfehlungen auf, die im Zuge eines „Läusealarms“ das Leben vieler Kinder und ihrer Eltern ungebührlich beeinträchtigen können (siehe Kasten).

Leider ist es oft nicht einfach, die lästigen Parasiten wieder loszuwerden. Mit häufigem Waschen der Haare allein ist das jedenfalls nicht zu schaffen: Durch das Waschen der Haare werden die Läuse keineswegs beseitigt, sie werden lediglich sauberer.

Erfolg verspricht nur eine gründliche lokale Behandlung, mit dem Ziel, sowohl geschlechtsreife Läuse als auch ihre Larven wirksam abzutöten. Das Robert Koch-Institut Berlin empfiehlt dazu die Kombination von nassem Auskämmen und Insektiziden.

Da die Stichstellen der Läuse meist stark jucken, kratzen sich die Kinder oft intensiv am Kopf. Haben sich jedoch nur wenige Läuse eingenistet, werden die Eltern meist nur durch die weißlichen Nissen auf den Befall aufmerksam, die im Gegensatz zu Kopfschuppen fest am Haar haften und nicht abgestreift werden können.

Zum Auffinden der Läuse muss das Haar systematisch Strähne für Strähne gekämmt werden, wobei der Kamm von der Kopfhaut aus fest zu den Haarspitzen heruntergezogen werden soll. Besonders geeignet, um Läuse und Nissen zu erfassen, sind spezielle Nissenkämme, deren Zinken nicht mehr als 0,2–0,3 mm voneinander entfernt sind. Nach jedem Kämmen sollte der Kamm sorgfältig nach Läusen untersucht und diese entfernt werden.

 

Tuscheln und Köpfe zusammenstecken ermöglicht es den Läusen, innerhalb kürzester Zeit den Wirt zu wechseln. Bildnachweis: AdobeStock_88593894_ ulkas

Tuscheln und Köpfe zusammenstecken ermöglicht es den Läusen, innerhalb
kürzester Zeit den Wirt zu wechseln.

Bildnachweis: AdobeStock_88593894_ulkas

 

Nur eine lokale Behandlung hilft

Die Medikamente, die zur Bekämpfung von Läusen zur Verfügung stehen, sind allesamt Insektizide, allerdings unterschiedlicher Herkunft und mit unterschiedlichem Wirkungsgrad. Der gegen Kopfläuse hochwirksame Wirkstoff Lindan darf seit 2008 gemäß einer EU-Regelung nicht mehr eingesetzt werden. Andere Mittel enthalten synthetische Pyrethroide, deren Ursprungssubstanz Pyrethrum eigentlich pflanzlicher Natur ist und aus den getrockneten Blüten von Tanacetum-Arten gewonnen wurde.

Pyrethroide wirken neurotoxisch und können außerdem Allergien und Hautirritationen hervorrufen. Daher sind sie streng nach Vorschrift anzuwenden – und keinesfalls häufiger als wirklich nötig. Ein weiteres Problem ist, dass weltweit immer mehr Läuse Resistenzen gegen diese Substanzen entwickeln.

Als wirksame Alternative gelten Dimeticone mit einer Wirksamkeit von 97 Prozent (Meister L, Ochsendorf F, Headlice —epidemiology, biology, diagnosis and treatment. Dtsch Arztebl Int 2016; 113: 763–72. DOI: 10.3238/arztebl.2016.0763).

Die apothekenpflichtigen Medizinprodukte enthalten synthetische Silikonöle und wirken rein physikalisch: Sie verkleben die winzigen Atemöffnungen der adulten Parasiten sowie aller ihrer Entwicklungsstadien. Eine Resistenz ist ausgeschlossen.

Dimeticone gelten als sicher ungiftig, sind jedoch mit einem anderen Risiko behaftet: Sie sind extrem leicht entflammbar! Es sind schon schwere Brandverletzungen berichtet worden. Die Haare müssen deshalb nach Auftragen des Mittels von offenen Flammen wie Zigaretten, Gasboilern oder Kerzen und starken Wärmequellen (z. B. heißer Haartrockner) unbedingt ferngehalten werden.

 

Hoffnung auf pflanzliche Wirkstoffe

Ähnliche „umhüllende“ und damit erstickende Eigenschaften sollen einige natürliche und pflanzliche Produkte aufweisen, berichtet Prof. Dr. Regina Fölster-Holz, Oberärztin der Dermatologischen Universitätsklinik Kiel: „In-vitro haben sich unter anderem grüne Minze, Kassia, Nelke, Eukalyptus, Anis, Zimt, Lavandula, Melaleuca, Mentha, Myrcianthes, Origanum, Pimpinella und Thymus als pedikulozid erwiesen. Jedoch sollten hier die Ergebnisse klinischer Studien abgewartet werden, bevor Therapieempfehlungen ausgesprochen werden“ (Fölster-Holz R, Parasitosen im Kindesalter, Hautarzt 2021; 72:232–242, https://doi.org/10.1007/s00105-021-04767-8).

Als Hausmittel gilt in vielen Familien Essigwassergemisch, das besonders Schwangere und stillende Mütter bevorzugen wird, denen von manchem chemischen Mittel abgeraten wird. Das RKI empfiehlt hierzu in seinem Ratgeber zu Kopflausbefall: „In diesem Fall kann eine alternative Behandlung durch mehrfaches Spülen der Haare mit Essigwasser durchgeführt werden (ein Teil sechsprozentiger Speiseessig auf zwei Teile Wasser; kein Essigkonzentrat verwenden!). Dadurch wird das Anhaften von Eiern und Nissen am Haar gelockert. Die Einwirkzeit sollte mindestens zehn Minuten betragen. Anschließend werden die feuchten Haare mit einem Nissenkamm sorgfältig ausgekämmt. Durch die Behandlung mit Essigwasser werden allerdings Läuse oder Nissen nicht abgetötet, es wird lediglich das Auskämmen erleichtert.“ Im weiteren Verlauf warnt das RKI allerdings auch vor veralteten Gepflogenheiten: „Das mitunter noch empfohlene Abtöten von Läusen und Nissen durch die Anwendung von Heißluft z.B. mittels eines Föhns ist unzuverlässig und kann zu erheblichen Kopfhautschädigungen führen, so dass grundsätzlich davon abzuraten ist.“ Ebenso sei ein Gang in die Sauna zwar gesund, zur Abtötung der Läuse jedoch ungeeignet.

 

Wann darf das Kind wieder zur Schule?

Nach der sachgerechten Anwendung eines wirksamen Läusemittels ist eine Weiterverbreitung auch bei noch vorhandenen Nissen nicht mehr zu befürchten. Wird das befallene Kind mit einem der zugelassenen Wirkstoffe behandelt, darf es am Tag darauf wieder in die Kita oder zur Schule, auch wenn die Therapie noch nicht abgeschlossen ist. In der Regel befinden sich keine lebenden Läuse mehr in seinen Haaren und selbst bei noch vorhandenen Nissen ist eine Weiterverbreitung der Parasiten mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr zu befürchten.

Aus diesem Grund halten die Autoren der DAKJ Ausschlussmaßnahmen in Kitas und Schulen selbst unter Berücksichtigung des Infektionsschutzgesetzes IfSG für unnötig: „Ein Besuchsverbot für Gemeinschaftseinrichtungen hat für die Kontrolle einer Pedikulose keine Bedeutung.“

Fazit der pädiatrischen Akademie: „Die Kopflaus ist ein harmloser Ektoparasit des Menschen. Sie zeigt keine besonderen epidemischen Eigenschaften, überträgt keine Pathogene und führt bei den meisten Menschen nach Besiedlung allenfalls zu geringen Beschwerden. Die Pedikulose hat allerdings ein hohes Potenzial, nicht nur bei Betroffenen, sondern auch bei Fachpersonen erhebliche adversive Empfindungen (Entomophobie) auszulösen.“ Nur so lasse es sich erklären, dass sich auch in zahlreichen Expertisen wissenschaftlicher Institutionen und Fachgesellschaften Aussagen und Empfehlungen finden, für die es an wissenschaftlicher Evidenz fehlt.

Den weit verbreiteten Aversionen könne nur durch gezielte und evidenzbasierte Aufklärung sowie durch adäquates Handeln begegnet werden, betonen die Autoren. Arztpraxen, Apotheken sowie Personal von Gemeinschaftseinrichtungen komme dabei eine wesentliche Aufklärungsrolle zu.

 


Pediculosis capitis: Was ist gesichert?

Die wichtigsten Aussagen der DAKJ, die aus zahlreichen Studien zur Pediculosis capitis zusammengetragen wurden, sind:

  • Läuse sind harmlos. Einem Läusebefall wird durch die teilweise erheblichen emotionalen Reaktionen der Betroffenen und ihrer Umgebung eine übertriebene Bedeutung beigemessen.
  • Epidemische Verläufe mit rascher Ausbreitung auf ganze Schulklassen sind nur selten nachweisbar.
  • Ein „Läusealarm“ ist in der Regel nicht gerechtfertigt. Indiziert ist eine gezielte Diagnostik bei Familienangehörigen und eng befreundeten Kindern, z.B. von Übernachtungsbesuchern.
  • Nur der Nachweis wenigstens einer lebenden Laus auf dem behaarten Kopf stellt eine sichere Therapieindikation dar.
  • Maßnahmen außerhalb des behaarten Kopfes sind in aller Regel unnötig:
  • Ein umfangreiches Reinigen von Leib- und Bettwäsche, Wegschließen von Kuscheltieren und Spielsachen, das luftdichte Verpacken oder Einfrieren von Textilien oder Spielzeug hat keinerlei nachweisbaren Effekt bei der Beendigung einer Pediculosis capitis.
  • Wesentlicher Therapieansatz ist die Verminderung der auf dem Kopf befindlichen Läuse. Dies gelingt rasch und weitgehend schmerzfrei durch Auskämmen des nassen Haares mit einer Haarspülung und einem geeigneten Nissenkamm. Dieses systematische Auskämmen hat bereits einen therapeutischen Effekt und ist zusätzlich und wiederholt bei der Anwendung von Läusemitteln (Medikamenten oder Medizinprodukten) empfohlen, um den Therapieerfolg zu sichern.

Dr. Axel Iseke vom Gesundheitsamt Münster hat Empfehlungen zum richtigen Vorgehen bei einem Läusebefall in Kitas und Schulen zusammengestellt: „Die 10 Münsteraner Läuseregeln“ finden mittlerweile bei vielen Gesundheitsämtern Anwendung (im Internet abrufbar unter https://www.presse-service.de/data.aspx/medien/57273P.pdf).

Quelle: (DAKJ (2020): Evidenzbasierte Kontrolle der Pediculosis capitis und deren Sekundärprävention)


 

Lajos Schöne

 

PK 4/2021