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Rheuma: Mit Sport gegen Entzündung und Schmerz

In Deutschland leiden etwa 1,5 Millionen Menschen an entzündlich-rheumatischen Erkrankungen. Viele Betroffene verbringen einen Großteil der Tagesstunden im Sitzen. Sie haben oft Vorbehalte gegen körperliches Training, weil sie eine Zunahme ihrer Schmerzen oder negative Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf befürchten. Aktuelle Studien von Sportmedizinern widerlegen dies. Regelmäßige Bewegung kann die in ammatorische Kaskade hemmen und den zwei Hauptmerkmalen Schmerzen und Bewegungseinschränkung entgegenwirken.

 

Nach Schätzungen der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie, die sie anlässlich ihres letztjährigen Kongresses in Dresden veröffentlichte, leiden etwa 10 Millionen Menschen in Deutschland an klinisch manifesten, behandlungsbedürftigen chronischen Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates; rund zwei Prozent der erwachsenen Bevölkerung sind von entzündlich-rheumatischen Erkrankungen betroffen; hinzu kommen etwa 20.000 rheumakranke Kinder. Das Lebenszeit-Risiko für eine entzündlich-rheumatische Erkrankung wird nach amerikanischen Daten auf rund acht Prozent für Frauen und fünf Prozent für Männer geschätzt. Ziel der Behandlung dieser chronischen Erkrankungen ist es, die Symptomatik zu lindern, die Progredienz zu beherrschen und die Mobilität und Alltagsfähigkeit zu erhalten.

Eine Gruppe von norwegischen Medizinern der Fachrichtungen Rheumatologie, Neurologie und Physiotherapie hat sich jetzt mit der Frage beschäftigt, ob ein regelmäßiges Ausdauer- und Krafttraining zur Steigerung der Beweglichkeit und Eindämmung der Schmerzen von Patienten mit einer Axialen Spondylarthritis (AxSpA) beitragen kann. Diese ist kausal nicht behandelbar. Typische Symptome sind vor allem heftige, tiefsitzende Schmerzen im Lendenwirbel- und Beckenbereich sowie eine ausgeprägte Morgensteifigkeit. Der Hauptvertreter der Gruppe der axialen SpA beginnt in der Regel mit einer Entzündung der Sakroiliakal-Gelenke und führt im weiteren Verlauf zur Verknöcherung und Versteifung der Wirbelsäule. Diese Form wird als ankylosierende Spondylitis oder Morbus Bechterew bezeichnet.

In der verblindeten randomisierten Multi-Center-Studie (Sveaas SH, et al. „High intensity exercise for 3 months reduces disease activity in axial spondyloarthritis (axSpA): a multicentre randomised trial of 100 patients”, Br. J. Sports Med. 2019. doi:10.1136/ bjsports-2018-099943) wurden 100 Patienten im Alter zwischen 20 und circa 60 Jahren in eine Interventions- und eine Kontrollgruppe aufgeteilt.

 

Rheumatische Arthritiden: Moderate, aber regelmäßige körperliche Aktivität

Das American College of Sports Medicine (ACSM) empfiehlt) für Patienten mit entzündlich-rheumatischen Gelenkerkrankungen dreimal pro Woche individuell angepassten Sport für jeweils 30 bis 60 Minuten Dauer. Empfohlen werden:

  • Fahrradfahren – (60 bis 80 Prozent Herzfrequenz)
  • Walking – (30 bis 60 Minuten pro Einheit),
  • Schwimmen – (an drei bis fünf Tagen pro Woche)
  • und Tanzen.

Bildnachweis: AdobeStock_165105643_sebra

Daneben sollen leichtes Hanteltraining (acht bis zehn freie Übungen für die großen Muskelgruppen, acht bis zwölf Übungen an Kraftmaschinen) den Muskelaufbau sowie Dehnübungen die Beweglichkeit von Bändern und Gelenken fördern.

 

Muskelaufbau hemmt Entzündung und Schmerz

Die Interventionsgruppe absolvierte zweimal wöchentlich unter physiotherapeutischer Aufsicht ein hochintensives aerobes muskelaufbauendes Training. Eine weitere Einheit pro Woche führten die Probanden eigenständig zu Hause durch. Die Kontrollgruppe erhielt lediglich die Anweisung, ihre bisherige Behandlung beizubehalten. Nach Ablauf der dreimonatigen Studiendauer wurden mittels ASDAS (Ankylosing Spondylitis Disease Activitiy Scale) und BASDAI (Bath AS Disease Activity Index-Score) Informationen über die zwei Hauptmerkmale Schmerzen und Steifigkeit eingeholt. Zudem wurden die Patienten über ihre persönliche Wahrnehmung befragt.

Das Ergebnis: Die Schmerzen der Trainingsgruppe fielen über 25 Prozent niedriger aus als die der Kontrollgruppe. Auch die Entzündungsparameter im Blut waren in der Interventionsgruppe signifikant niedriger. Negative Begleiteffekte waren nicht zu beobachten.

Die Studienautoren sind überzeugt: Hochintensives Ausdauer- und Krafttraining ist bei axialer Spondylarthritis definitiv empfehlenswert. Der Effekt sei ähnlich hoch wie der von TNF-Inhibitoren. Regelmäßiges Training könne Patienten aus der Spirale von schmerzbedingter Unbeweglichkeit befreien, die wiederum zu mehr Schmerz und Entzündung führt. Außerdem steigert das Training die kardiorespiratorische Fitness und reduziert enorm den Schmerzmittelverbrauch.

 

Nicht nur die Gelenke sind betroffen

Die axiale SpA ist eine schwerwiegende entzündlich-rheumatische Erkrankung, die neben den muskuloskelettalen Symptomen auch extraartikuläre Manifestationen wie Uveitis, Psoriasis oder chronisch-entzündliche Darmerkrankungen aufweist, und ein koordiniertes multidisziplinäres Vorgehen erfordert.

Das primäre Ziel der Behandlung ist die Optimierung der Lebensqualität durch das Erreichen einer weitgehenden Symptomfreiheit, die Reduktion der Entzündung, Verhinderung von strukturellen Schäden und die Aufrechterhaltung bzw. Normalisierung von Funktion, Aktivität und sozialer Partizipation einschließlich der Arbeits- und Erwerbsfähigkeit (S3-Leitli-nie Morbus Bechterew, AWMF-Registernummer: 060/003, Version: 2019).

Die von der Leitlinie befürwortete evidenzbasierte Therapie beruht auf mehreren Säulen:

  • Bewegungsübungen,
  • medikamentöse Therapieverfahren und
  • Patientenschulungen.

Die aktuelle Leitlinie empfiehlt: Patienten mit axialer SpA sollten zu Beginn und im Verlauf der Erkrankung auf die Wichtigkeit von Sport, Bewegung im Alltag und regelmäßiger Bewegungstherapie hingewiesen und individuell beraten werden. Bewegungsübungen sollten regelmäßig, bevorzugt als angeleitete Gruppentherapien, durchgeführt werden. Eine multimodale Rehabilitation mit intensiver Bewegungstherapie und strukturierter Patientenschulung kann zur Verbesserung der Krankheitsbewältigung und Reduktion der Krankheitskosten führen.

In Deutschland können Rheumapatienten ein von der Deutschen Rheuma-Liga zusammen mit Physiotherapeuten entwickeltes und gesetzlich als Reha-Leistung anerkanntes Funktionstraining durchführen.

 

Ladislaus Kuthy

PK 3/2020