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Scharlach im Aufwind: Weltweit ist Wachsamkeit geraten

Britische Forscher identifizierten anhand einer breit angelegten Studie einen neuen A-Streptokokkenstamm, genannt M1UK, der offensichtlich für gehäuftes Auftreten von Scharlach und invasiven Strep-A-Infektionen während der letzten Jahre in Großbritannien verantwortlich war und ist. Die Londoner Wissenschaftler empfehlen dringend, die epidemiologische Entwicklung von M1UK-Infektionen weltweit zu kontrollieren, da der Streptokokkenstamm das Potenzial hat, sich global auszubreiten. Zwischen März und Mai 2016 wurden in Großbritannien unerwartet hohe Zahlen an invasiven Streptococcus-pyogenes-Infektionen beobachtet. Diese Zunahme fiel mit dem landesweiten saisonalen Anstieg der Scharlachfälle zusammen. Allerdings waren in Großbritannien bereits seit dem Jahr 2014 wachsende Scharlachzahlen festgestellt worden. So wurde 2014 mit über 15.000 Meldungen im Vergleich zu früheren Jahrzehnten ein deutlicher Anstieg der Scharlachinzidenz verzeichnet. Im darauffolgenden Jahr 2015 stiegen die Scharlachmeldungen auf über 17.000 Fälle und ein weiterer Gipfel wurde im Jahr 2016 mit mehr als 19.000 Fällen registriert. Auffällig war, dass parallel zu den gehäuften Scharlachausbrüchen im Frühjahr 2016 auch die Zahl der im Labor bestätigten, invasiven Streptococcus-pyogenes-Infektionen zunahm, und zwar im Vergleich zu den Infektionen der vorangegangenen fünf Jahre um das Fünffache.

Ein Forscherteam des Imperial College London beschäftigte sich deshalb mit der Frage, warum im Gegensatz zum Jahr 2014, in dem sich die S.-pyogenes-Meldungen noch innerhalb der erwarteten Grenzen bewegten, im Jahr 2016 die invasiven A-Streptokokkeninfektionen so stark angewachsen waren. Die Forscher vermuteten, dass es zwischen der Zunahme der invasiven S.-pyogenes-Infektionen und den saisonal ebenfalls angestiegenen Scharlachfällen eine Verbindung geben müsste und dass diese wiederum mit der Entstehung eines neuen Bakterienstammes zusammenhängen könnte.

 

Die Häufung von Scharlachfällen in Großbritannien in den letzten Jahren führte zur Identifizierung eines neuen A-Streptokokkenstamms.

Bildnachweis: AdobeStock_10380630_Dron

 

Neuer Bakterienstamm identifiziert

Um diese Hypothese zu untermauern, führten sie eine umfangreiche Datenbankrecherche durch und werteten klinische Untersuchungen und Laborstudien aus, die vor dem 1. März 2019 publiziert worden waren. Zudem griffen die Forscher auf Londoner und nationale Datenbanken sowie medizinische Probensammlungen zurück. Anhand der Analyse der epidemiologischen und labortechnischen Daten, einschließlich Bakterien-genetischer Befunde, gelang es tatsächlich, eine bisher unbekannte Linie des A-Streptokokkenstamms M1T1 zu identifizieren. Die neue Variante erhielt die Bezeichnung M1UK.

Prof. Shiranee Sriskandan, Leiterin der Abteilung für Infektionskrankheiten am Imperial College London und Studienleiterin, berichtete, dass der neue Strep-A-Stamm M1UK offensichtlich für die seit 2014 gehäuft beobachteten Fälle von Scharlach, Infektionen im Hals-Rachen-Raum und auch der invasiven Infektionen verantwortlich war. Aufgrund hoher Infektiosität dürfte sich M1UK während der jeweiligen Scharlachsaison in den Jahren 2015 und 2016 in der Bevölkerung manifestiert haben, erklärten die Forscher. Phylogenetische Analysen bestätigten, dass der neu entdeckte Stamm 2016 die vorherrschende Ursache für invasive S.-pyogenes-Infektionen in Großbritannien war, und zeigten, dass Isolate von symptomatischen Racheninfektionen und Scharlach auch das Hauptreservoir für invasive Infektionen darstellten. Die Daten stützten die Annahme, dass M1UK eine gesteigerte Pathogenität und hohe Infektiosität für Scharlach in der Bevölkerung besitzt und den zeitgleichen Anstieg der invasiven S.-pyogenes-Infektionen verursacht hat. Der Stamm M1UK zeichnet sich genetisch durch das sogenannte emm1Protein aus. Während im Nordwesten Londons im Jahr 2014 Stämme der Gentypen emm3 und emm4 als Hauptverursacher der Infektionen identifiziert wurden und emm1-Stämme lediglich in fünf Prozent der Fälle für die A-Streptokokkenerkrankungen verantwortlich waren, stiegen die emm1-ausgelösten Infektionen im Jahr 2015 um 19 Prozent und im Jahr 2016 um 33 Prozent an. Auch landesweit nahm die nachgewiesene Zahl an emm1-Isolaten zu, und zwar 2015 um 31 Prozent und 2016 um 42 Prozent. Ergänzend zu diesen Daten fanden Sriskandan und ihr Team, dass M1UK das Streptokokkentoxin SpeA in größeren Mengen produziert als die bisher bekannten Stämme.

Nach Meinung der Autoren erklären ihre Ergebnisse den Anstieg von Hals-Rachen-Infektionen, Scharlach und invasiven Streptokokkeninfektionen der letzten Jahre in Großbritannien. Aber nicht nur auf der Insel, sondern auch in anderen Ländern wurde in jüngerer Zeit M1UK anhand phylogenetischer Analysen isoliert, so in Dänemark und den USA. Auch gab es bereits Meldungen aus Hongkong und China-Festland über Ausbrüche mit M1UK. Die Londoner Forscher mahnten aufgrund dieser epidemiologischen Entwicklung zu weltweiter Wachsamkeit, um eine weitere Ausbreitung des offensichtlich stark pathogenen A-Streptokokkenstamms M1UK zu vermeiden und einer erhöhten Gefahr von Scharlach, invasiven Streptokokkeninfektionen oder sogar einer möglichen Pandemie vorzubeugen. Als beruhigend hoben die Infektiologen hervor, dass der neue Stamm M1UK derzeit gut auf die Behandlung mit Antibiotika anspricht.

 

Dr. Dagmar van Thiel

Quellen: Lynskey NN et al. Emergence of – dominant toxigenic M1T1 Streptococcus pyogenes clone during increased scarlet fever activity in England: a population-based molecular epidemiological study. Lancet Infect Dis 2019; 19 (11): 1209–1218. doi:10.1016/S1473–3099 (19) 30446-3

Brouwer S et al. Scarlet fever changes its spots. Lancet Infect Dis 2019; 19 (11): 1154–1155

 

PK 5/2020