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Schmerzpatienten: Die Resilienz fördern

Belastende Probleme können manche Menschen scheinbar ohne Mühe überwinden, während andere an derselben Situation verzweifeln. Eine mögliche Erklärung für dieses Phänomen liefert das Konzept der Resilienz. Als wichtige Resilienzfaktoren gelten positive Emotionen, Selbstwirksamkeit, Hoffnung, Optimismus und soziale Unterstützung. Die Förderung von Resilienz ist vor allem auch bei chronischen Schmerzpatienten möglich, wie Studien in jüngster Zeit ergeben haben.

 

Resilienz bezeichnet die psychische Widerstandskraft und die Fähigkeit, Strategien zu entwickeln, um sich Krisensituationen anzupassen und diese unbeschadet zu bewältigen oder vielleicht sogar gestärkt daraus hervorzugehen. Resilienz übt einen signifikant positiven Einfluss auf die Lebensqualität, die subjektiv empfundene Gesundheit und auch auf das Schmerzerleben der Betroffenen aus. So steht Resilienz im Zusammenhang mit einer niedrig empfundenen Schmerzintensität, weniger schmerzbedingten Einschränkungen, geringeren depressiven Symptomen und sogar mit einem verminderten Sterberisiko.

Ein wichtiger Resilienzfaktor ist der Optimismus, eine positive Ergebniserwartung, der zum Beispiel katastrophisierenden Gedanken entgegenwirkt. Ob und wie sich Optimismus auf das Schmerzempfinden auswirkt, ermittelte ein Wissenschaftlerteam um Professor Stefan Lautenbacher am Institut für Physiologische Psychologie der Universität Bamberg (Basten-Günther, J., Peters, M., & Lautenbacher, S. (2018) „Optimism and the Experience of Pain: A Systematic Review“, Behavioral Medicine, 1–17). „Jeder Mensch hat für die aktive Schmerzbewältigung seine eigenen Strategien“, so Lautenbacher, „dazu kann zum Beispiel bei optimistischen Menschen ein regelmäßiges Herz-Kreislauf-Training gehören, was sich wiederum positiv auf ihre Schmerzen auswirkt. Die Motivation für solche Aktivitäten aufzubauen, ist für depressive Menschen viel schwieriger, und so bleibt auch der Schmerz bei ihnen stärker verhaftet. Zudem können depressiv veranlagte Menschen bezogen auf ihre Schmerzen spezifische Ängste entwickeln, die sie zu einem eingeschränkten Verhalten führen. Dieser untrainierte Zustand fördert wiederum den Schmerz, und so entsteht ein Teufelskreis.“

 

Optimismus ist ein bedeutender Resilienzfaktor

Optimismus sei als Resilienzfaktor bei Menschen als positive Eigenschaft messbar, erklärt der Bamberger Wissenschaftler. „Wir haben zum Beispiel Studien dazu durchgeführt, wie sich ein vorübergehend ausgelöster Optimismus auf den Umgang mit Schmerzen auswirkt. Diese Methode aus den Niederlanden basiert darauf, sich im Geiste ein ausschließlich positives Selbstbild von sich selbst in fünf Jahren vorzustellen. Auf dieses Bild konzentriert man sich etwa 15 Minuten lang und verfestigt es unter anderem durch Schreibübungen. Für kurze Zeit funktioniert das wunderbar. Je länger ein Schmerz aber anhält, desto schwieriger wird es.“

Zum Erlernen von Optimismus wurde in Studien unter anderem die „Best Possible Self“ (BPS)-Intervention eingesetzt. In dieser Schreibübung werden die Probanden dazu angehalten, über ihre Zukunft zu schreiben, dies jedoch in der bestmöglichen Art und Weise. Es wurde ihnen gleichsam verboten, schlecht über sich zu denken. Ein Effekt, der in Studien auch eine gewisse Zeit anhielt (Meevissen Y. M. C. et al.: „Become more optimistic by imagining a best possible self: Effects of a two week intervention”. Journal of Behavior Therapy and Experimental Psychiatry, 42(3), 371–378. http://doi. org/10.1016/j.jbtep.2011.02.012).

Ob dergestalt induzierter Optimismus in der Praxis tatsächlich dabei hilft, die Schmerzwahrnehmung zu reduzieren, lässt sich nicht abschließend sagen, meint Lautenbacher, da sich die Studiendaten teilweise widersprechen. So wurde in einer Studie festgestellt, dass Patienten nach der BPS-Intervention Eiswasser als weniger unangenehm empfanden als andere Patienten, die nicht zu einer BPS-Intervention aufgefordert worden waren und sich ihren Tag ganz normal vorstellten. In einer anderen Studie wurde jedoch kein Unterschied zwischen den beiden Gruppen registriert.

 

Positives Denken erhöht die Lebenserwartung

Chronische Schmerzen wirken sich negativ auf Alltagsaktivitäten, Arbeit, Freizeit und den Schlaf aus und gehen mit einer geringeren Leistungsfähigkeit und Lebensqualität einher. Sie äußern sich nicht nur in physischen Einschränkungen, sondern auch in emotionalem Stress und sind mit negativen Symptomen wie mentaler Ermüdung, Angst und Depression assoziiert.

Optimisten sind in vielerlei Hinsicht besser dran: Sie erholen sich schneller von Operationen als Pessimisten, spüren weniger Schmerz, gehen seltener zum Hausarzt, haben einen niedrigeren Blutdruck und infizieren sich Studien zufolge seltener mit Erkältungsviren. Verletzen sie sich, heilen ihre Wunden schneller. Laut Statistik leiden sie seltener an Demenz, Depressionen, Morbus Parkinson oder Herzerkrankungen. Menschen mit einer positiven Lebenseinstellung haben außerdem besonders gute Aussichten, 85 Jahre oder älter zu werden. Das ergab eine US-amerikanische Studie, deren Ergebnisse in den „Proceedings“ der US -Akademie der Wissenschaften (PNAS) veröffentlicht wurden (Lee O. L. et al.: „Optimism is associated with exceptional longe-vity in 2 epidemiologic cohorts of men and women“, PNAS September 10, 2019 116 (37) 18357–18362; https://doi. org/10.1073/pnas.1900712116).

Die Forschergruppe um Lewina Lee von der Boston University School of Medicine analysierte zwei Datenbanken, in denen seit Jahrzehnten die Krankengeschichte bestimmter Berufsgruppen gespeichert werden. Untersucht wurden die Informationen über den Gesundheitszustand und die Lebensführung von 69.744 Krankenschwestern und 1.429 Veteranen. Bei allen war zuvor mit Hilfe von Fragebögen und Tests ermittelt worden, ob sie eher als Optimisten oder als Pessimisten einzustufen sind. Als Optimist wurde ein Mensch definiert, der daran glaubt, dass gute Dinge passieren werden und dass die Zukunft erstrebenswert ist. Bei einem Vergleich der einzelnen Personen auf der Grundlage ihres anfänglichen Optimismus stellten die Forscher fest, dass die optimistischsten Männer und Frauen im Durchschnitt eine um elf bis 15 Prozent längere Lebenserwartung aufwiesen. Die Wahrscheinlichkeit, 85 Jahre oder älter zu werden, war in der Gruppe der stärksten Optimistinnen um 50 Prozent größer als bei den stärksten Pessimistinnen. Bei den Männern betrug der Unterschied in der Studie sogar 70 Prozent.

Die Ergebnisse blieben konstant auch nach Berücksichtigung des Alters, demographischer Faktoren wie Bildungsgrad, chronischer Krankheiten, Depressionen und auch des Gesundheitsverhaltens wie Alkoholkonsum, Bewegung, Ernährung und Arztbesuche.

 

Optimismus und eine positive Lebenseinstellung sind wichtige Resilienzfaktoren, die auch in der Schmerztherapie gefördert werden können.

Bildnachweis: AdobeStock_301949245_Von Halfpoint

 

Positiv denken ist erlernbar

Niederländische Psychologen um Madelon Peters von der Universität Maastricht gingen der Frage nach, ob eine erlernte optimistische Einstellung das Leben von Patienten mit chronischen Schmerzen positiv beeinflusst (Peters ML et al. Happy despite pain: a randomized controlled trial of an 8-week internet delivered positive psychology intervention for enhancing well-being in patients with chronic pain. Clin J Pain 2017). Teilnehmer waren 276 Patienten mit chronischen, seit durchschnittlich knapp 13 Jahren andauernden muskuloskelettalen Schmerzen. Verwendet wurde ein internetbasiertes Interventionsprogramm namens „Happy Despite Pain“ (HDP, deutsch: „Glücklich trotz Schmerz“).

Das Programm sollte die Einstellung sich selbst gegenüber verbessern und positive Gefühle sowie Optimismus stärken. Die Probanden wurden randomisiert entweder dem HDP-Programm oder einer ebenfalls internetbasierten, auf verbesserte Schmerzbewältigung gerichteten Verhaltenstherapie zugeordnet. Die Kontrollgruppe bildeten Patienten auf der Warteliste für eine der beiden Behandlungsformen. Untersucht wurden Glücksempfinden, Depressionen und körperliche Beeinträchtigungen nach Abschluss der Behandlung sowie nach einer sechsmonatigen Nachbeobachtungsphase.

Das Ergebnis: Beide aktiven Behandlungen führten zu einer signifikanten Zunahme der Zufriedenheit und einem Rückgang der Depression. Die somatischen Beeinträchtigungen nahmen allerdings im Vergleich zur Warteliste nicht signifikant ab. Es gab keine eindeutigen Unterschiede in der Wirksamkeit der beiden aktiven Interventionen. Patienten mit einem höheren Bildungsniveau profitierten etwas mehr von der positiven psychologischen Intervention als von dem kognitiv-verhaltensorientierten Programm. „Die Ergebnisse legen nahe, dass eine internetbasierte positive Einstellung und verhaltensorientierte Selbsthilfeinterventionen zur Behandlung chronischer Schmerzen klinisch nützlich sind“, folgern Madelon Peters und ihre Kollegen aus ihrer Untersuchung. Da beide Verfahren als Selbsthilfeübungen keine Beteiligung eines Therapeuten erfordern, könnten sie eine weite Verbreitung erfahren. In weiteren Studien sollte untersucht werden, ob sie bevorzugt als Einzelbehandlung oder in Kombination mit etablierten Schmerzbehandlungsprogrammen Erfolg versprechen können.

 

Lajos Schöne

PK 3/20